das goethe: Ausgabe 1/2017 „Brief an (und aus) Europa“ von Juan Gabriel Vásquez

Ausschnitt aus dem Cover der aktuellen ZEIT-Beilage des Goethe-Instituts
Ausschnitt aus dem Cover der aktuellen ZEIT-Beilage des Goethe-Instituts | Foto: Katja Illner

Am 18. Mai erscheint die dritte Ausgabe der ZEIT-Beilage des Goethe-Instituts. Schwerpunkt von „das goethe“ ist ein außereuropäischer Blick auf Europa. Der kolumbianische Schriftsteller Juan Gabriel Vásquez plädiert in seinem Essay für das  Kulturmagazin für ein tolerantes, liberales, offenes Europa: ein Europa der Empathie.

In diesem Februar, auf dem Rücken noch der Schauer von 2016 mit seinen politischen Desastern, bin ich in der Schweiz gelandet. Fast ein Jahr war es her, dass mich die Universität Bern dorthin eingeladen hatte, im März, noch bevor der Brexit, das gescheiterte kolumbianische Referendum über die Friedensverträge und der Sieg Donald Trumps den endgültigen Wandel der uns bekannten Welt eingeleitet hatten. Während der zweiten Hälfte des Jahres verwandte ich all meine Energien und ein Großteil meiner mentalen Gesundheit darauf, die Friedensprojekte in meinem Land zu verteidigen: das heißt, unser Recht, einen Krieg zu beenden, der ein halbes Jahrhundert gedauert und an die sieben Millionen Opfer gefordert hatte. Ich schrieb Artikel in drei Zeitungen unterschiedlicher Sprachen, nahm an Diskussionsforen und Kongressen teil, sprach mit den Verhandlungsführern der Regierung und mit den Opfern des Krieges. Doch als bei dem Referendum, das Lüge, Desinformation und Verleumdung bestimmt hatten, die Friedensvereinbarungen abgelehnt wurden, da merkte ich, dass auch mein Land der neuen Welle des Populismus erlegen war.

Die Einladung nach Bern bedeutete damals für mich eine Art Zuflucht: einen Rückzug in die Winterquartiere. Die vier Monate meiner Professur würden mir eine ideale Gelegenheit bieten, vor einem Publikum guter Leser eine Reihe von Ideen durchzuspielen, die später einmal – sofern die Götter der Literatur nichts anderes im Sinn haben – zu einem eigenen Buch werden sollen. Es wird sich um etwas drehen, was ich gern das Genom des Romans nenne, das heißt, die Gesamtheit der Komponenten, die irgendwann im Europa des 17. Jahrhunderts eine neue Form hervorbrachte, durch die sich die menschliche Erfahrung erforschen und verstehen ließ. Bei meiner Ankunft in der Schweiz hatte ich die Absicht gehabt, laut über die Überzeugung nachzudenken – die mich noch immer nicht verlassen hat –, dass die Geburt des Romans untrennbar mit bestimmten europäischen Werten verbunden ist, die mit unseren besten Errungenschaften zu tun haben, mit den bewundernswertesten Merkmalen unserer Zivilisationen. Ich hätte mir nicht träumen lassen, dass all dies mit der schwersten Krise zusammenfallen würde, die diese Werte seit dem Debakel des Zweiten Weltkriegs durchgemacht haben. Ebenso wenig, dass meine Lektüreeindrücke von Büchern, die auf diesem Planeten seit über vierhundert Jahren die Runde machen, ein einziger pessimistischer Kommentar zu unserer Gegenwart sein würden: zu dem, was heute in Gefahr ist, zu denen, die es in Gefahr gebracht haben, und zu dem, was wir tun können, um es zu retten.

Den Populisten geht es um die Abwehr von Wahrheiten

Das Vorhergehende ist trotz des emphatischen Tons keine Übertreibung. In diesem neuen Europa, das sich da zeigt, geprägt vom Sieg des xenophoben Populismus in England und den Vereinigten Staaten, ist ein Bild vom Menschen bedroht, das wir mit aller Macht verteidigen müssten, denn es hat eine Menge Jahrhunderte erfordert, zu diesem Bild zu gelangen. Statt sich um Empathie zu bemühen, wollen Nigel Farage, Geert Wilders und Marine Le Pen, ebenso wie Donald Trump auf der anderen Seite des Atlantiks, jedes Interesse an den anderen und ihren Wahrheiten abwehren, ja machen sie zum Ursprung unserer Unzufriedenheit. Die anderen, das sagt uns der neue europäische Populismus, sind der Feind. Diese Rhetorik ist nicht neu. Erfolg hat ein nationaler Führer, wie Hitler betonte, wenn er vermeidet, dass die Aufmerksamkeit seines Volkes geteilt wird, und erreicht, dass sie sich auf einen gemeinsamen Feind konzentriert. Nigel Farage droht mit einer Schwemme von Abermillionen Immigranten; Geert Wilders fragt in einer Rede, ob seine Anhänger mehr oder weniger Marokkaner in Holland wollen; Marine Le Pen beschwört angesichts der Muslime, die auf der Straße beten, die Besetzung durch die Nazis herauf. In dieser traurigen Landschaft hat sich die solidarische Klarsicht Angela Merkels in eine seltene Form von Verwegenheit verwandelt, und die Niederlage von Wilders in Holland in einen Akt des Widerstands. Vielleicht übertreibe ich nicht, wenn ich ein Adjektiv hinzufüge: eines humanistischen.
        
Das Europa des Jahres, in dem wir leben, wird sich noch oft einem unsäglichen Druck ausgesetzt sehen, der sowohl aus seinen eigenen Eingeweiden wie aus der Außenwelt kommt. Seit Januar haben sich Trumps Vereinigte Staaten von jedem moralischen Führungsanspruch verabschiedet. Dieses Vakuum auszufüllen, wird eine der schweren Aufgaben für Europa sein, während es zugleich mit denen zu kämpfen hat, die die Union von innen sprengen wollen. Aber die Nebenwirkungen des Trumpismus – die Verlogenheit zur Lebensart, die Xenophobie zur Staatsräson erhoben, die Ignoranz zu einem Verdienst, die regulierende Macht des besten Journalismus zu einem Angriffsziel – haben bereits die europäische Politik verseucht, und selbst Vernünftigere sehen sich plötzlich verpflichtet, Fahnen zu schwenken und den Chauvinismus zu bedienen, damit sie bei den Wahlen im Spiel bleiben. Das ist ein Irrtum. Falls mir die Distanz eine Erkenntnis erleichtert, dann die, dass die Verteidigung der europäischen Werte scheitern wird, wenn sie mit Zugeständnissen an die Feinde eben dieser Werte beginnt. Damit meine ich nicht nur den besagten Populismus, der dem europäischen Projekt den Garaus machen und Mauern um seine kleinen Provinzen errichten will; ich meine auch die bedenkenlose Rückkehr hinter die attackierten Werte der Aufklärung, die sich im Zweifelsfall leicht erkennen lassen: sie sind all das, was die religiösen Fanatiker zu zerstören versuchen.

Sie sind das weltliche, tolerante, liberale, offene Europa, das Europa der Empathie, das Europa, das ich humanistisch nenne, womit im Grunde aber gemeint ist: im menschlichen Maßstab.
 
Gekürzte Fassung, aus dem Spanischen von Susanne Lange