Deutschlehrertagung in Bozen Franziskus, Pep und die anderen

Fast 3.000 Lehrer auf einem Fleck: Was auf einen unbedarften Primaner zunächst erschreckend wirken könnte, ist in Wirklichkeit ein hoffnungsfrohes Zeichen. Denn bei dem Anlass, zu dem sie zusammengekommen sind, ging es um die deutsche Sprache und ihre Zukunft. Ein Aufbruchstimmungsbericht. Von Christoph Mücher

Kurt Dissentori ist ein bedächtiger Mann. Doch wenn es um die Identität der Südtiroler geht, wird der Traminer Obstbauer leidenschaftlich. Zu präsent ist ihm noch die Zeit, als Sprache und Kultur bedroht waren. „Meine Mutter hat heimlich in der Kirche Deutsch unterrichtet, damit unsere Sprache nicht ausstirbt“, erzählt Dissentori.

Die „Katakombenkurse“ in Südtirol sind auch Ludwig Eichinger geläufig. Der Direktor des Instituts für Deutsche Sprache hat sich ausgiebig mit Minderheitensprachen beschäftigt. „Eine spannende Geschichte – mit gutem Ausgang, zumindest für die jüngere Generation.“ Heute bestimmt ein eher entspanntes Miteinander den Alltag, nicht zuletzt dank des beeindruckenden wirtschaftlichen Erfolgs der autonomen Provinz Südtirol. „Viele wachsen mittlerweile längst zweisprachig auf – ein wichtiges Pfand in einem mehrsprachigen Europa.“

So scheint es, als hätte der Internationale Deutschlehrerverband IDV den Standort für seine internationale Deutschlehrertagung nicht besser wählen können. Alle vier Jahre treffen sich Wissenschaftler und Praktiker aus aller Welt zur Internationalen Tagung der Deutschlehrer und Deutschlehrerinnen, kurz: IDT, um Tipps und Trends auszutauschen und zu erforschen. „Deutsch von außen – deutsch von innen“ beschreibt das Motto der diesjährigen Tagung diesen multiperspektivischen Aspekt sehr treffend. Gut 2.700 Menschen haben sich aus aller Welt auf den Weg nach Bozen gemacht.

Neue Lehrer, neue Lehrmethoden

Die Stimmung ist gut und das liegt nicht nur am sonnenreichen Sommerwetter und der reizvollen Umgebung. Die deutsche Sprache hat an Terrain gewonnen. Beherrschten noch vor wenigen Jahren Schrumpfungsszenarien und die Sorge um einen schleichenden Niedergang der deutschen Sprache die Diskussion, so herrscht derzeit Aufbruchsstimmung. Deutsch ist wieder gefragt. Die Kurse der Goethe-Institute verzeichnen Rekordeinschreibungen, prominente Deutschlerner vom Papst bis zu Pep Guardiola demonstrieren, dass die als so verkopft wahrgenommene Sprache Goethes und Schillers sehr wohl zu lernen ist.

Der neue Trainer des FC Bayern ist nicht der einzige Spanier (Katalane) der derzeit Deutsch büffelt, um in Deutschland erfolgreich arbeiten zu können. Die hohe Jugendarbeitslosigkeit bewegt viele junge Leute in Südeuropa derzeit, sich anderswo nach Arbeit umzusehen. „Es hat sich herumgesprochen, dass gut ausgebildete Fachkräfte in Deutschland leichter eine Arbeit finden“, erklärt Heike Uhlig, Leiterin der Spracharbeit des Goethe-Instituts. „Unsere Kurse in Barcelona, Lissabon, Madrid sind übervoll.“ Der Boom in Südeuropa macht sich auch bei den Verlagen bemerkbar. Nach Jahren der Stagnation freut sich Hubert Bornebusch vom Langenscheidt Verlag über eine deutlich gestiegene Nachfrage. „Spanien ist der wichtigste Wachstumsmarkt, und auch die Türkei legt deutlich zu“, erzählt Bornebusch. Aber auch innerhalb Deutschlands wachse die Nachfrage.

Der neue Schwung führt auch dazu, dass eine neue Generation von Lehrern eingestellt werden konnte. Mit ihr halten vermehrt auch neue und innovative Lehrmethoden Einzug in den Deutschunterricht. Längst haben interaktive „Whiteboards“ in den Klassenzimmern die gute alte Kreidetafel ersetzt. Ein eigenes Themenfeld widmet sich in Bozen der Frage der Nutzung von „Medien in Kommunikation und Unterricht“. „E-Learning“, „mobiles Lernen“ und „virtuelle Lernumgebungen“ sind wichtige Schlagworte. Jan Hillesheim etwa hat am Goethe-Institut Tokyo Modellkurse konzipiert, die neue Medien wie das iPad systematisch in den Unterricht integrieren. Der Unterricht sei so spielerischer geworden, die Tablet-Computer holten die Wirklichkeit von außen in den Klassenraum, berichtet Hillesheim.

Berlin ruft

Tatsächlich ist man sich in Bozen einig, dass die Wände des Klassenraums keine Grenze mehr bilden dürften. „Wir müssen das Klassenzimmer neu denken – als einen Raum vernetzter Lernorte“, fordert etwa der Didaktiker Michael Legutke, Professor an der Universität Gießen. Leben und Lernen müssen verschmelzen. So zeigen verschiedene Projekte, wie man die Fremdsprache im unmittelbaren Umfeld der Schüler verwenden kann. Dies geht naturgemäß in Ländern, die an den deutschsprachigen Raum grenzen, besonders gut. Erika Broschek aus Amsterdam versucht zum Beispiel niederländische Lehrer für Exkursionen nach Deutschland zu begeistern. Mit „Berlin Tourismus“ hat sie schon eine Kooperation eingeleitet.

Überhaupt Berlin: Was wäre die deutsche Sprache ohne das Zugpferd der gerade bei jungen Leuten so beliebten Hauptstadt? Folgerichtig setzt auch ein Gemeinschaftsprojekt von Goethe-Institut und Deutscher Welle auf die Strahlkraft der Metropole: Ticket nach Berlin heißt ein quirlig gemachter Wettstreit zweier Gruppen, die sich quer durch Deutschland unterschiedlichen Aufgaben stellen, um das begehrte Ticket in die Hauptstadt zu gewinnen. Aus 2.000 Bewerbungen haben die Organisatoren sechs junge Lerner aus der ganzen Welt rekrutiert, die sich in das Wagnis „Alltag in Deutschland“ stürzen. Begleitet werden sie dabei auf Schritt und Tritt von Kameras, die ihre kleinen und großen Abenteuer festhalten. Entstanden sind dabei 20 Videosequenzen, die in den nächsten Tagen online gehen.

Das wichtigste Argument bei der Wahl der Fremdsprache bleibt jedoch ein guter und lebendiger Unterricht, eine Erkenntnis, die unlängst auch von der großangelegten Hattie-Studie belegt wurde. Martina Kasova aus der Slowakei bestätigt dies: Sie hatte als Schülerin Deutsch gewählt, weil sich der Unterricht wohltuend von der theorielastigen Vermittlungsmethode anderer Sprachen unterschied – und unterrichtet nun selber.

Samstagmorgen, die Tagung ist beendet, mit Fribourg ist auch für die IDT 2017 ein attraktiver Tagungsort gefunden worden. Der bunte Tross zieht wieder los in aller Herren Länder. Südtirol und sein Modell hat 2.700 Freunde in der ganzen Welt gewonnen. Das wird auch Kurt Dissentori freuen.