Islamische Kultur Glanz des Kalifats

Die große Moschee der Umayyaden in Damaskus: Die islamische Welt muss die Rolle des Opfers aufgeben
Die große Moschee der Umayyaden in Damaskus: Die islamische Welt muss die Rolle des Opfers aufgeben | Foto: Stefan Weber

Wo früher die Metropolen der islamischen Kultur lagen, wütet heute der IS-Terror. Eine Ausstellung der Berliner Museen im Emirat Sharjah ist von brennender Aktualität. Sie zeigt Artefakte einer Kultur, die sich in größter Gefahr befindet. Von Rüdiger Schaper

Samarra war einst eine Stadt mit sagenhaft luxuriösen Palästen, sie zog sich über 50 Kilometer am Ufer des Tigris entlang und inspirierte mittelalterliche Reisende zu euphorischen Beschreibungen. Die Abbasiden hatten Samarra gegründet, sie beherrschten das islamische Reich von 750 bis 1258 unserer Zeitrechnung – von Nordafrika bis Zentralasien. Ihr Zentrum lag in Bagdad, man spricht vom „Goldenen Zeitalter“ der islamischen Welt. Und das galt nicht nur für die militärische Macht, sondern auch für Wissenschaft und Kultur. Hier wurden, wie im klassischen Athen, im hellenistischen Alexandria und im Italien der Renaissance die Grundlagen der zivilisierten Welt geschaffen oder erneuert: Medizin und Mathematik, Astronomie und Poesie. Heute hat in Raqqa, das gleichfalls zum abbasidischen Gebiet gehörte, der IS, der islamistische Terror sein Hauptquartier.

So gut wie nichts ist erhalten vom Bagdad der Kalifen, die Kunst und Wissen anhäuften. In Samarra im heutigen Irak aber steht noch das berühmte Spiralminarett. Es erinnert an die viele tausend Jahre alte Zikkurat-Turmarchitektur von Mesopotamien, aus dem Abraham stammte, der Urvater der Religionen der Schrift. Der deutsche Archäologe Ernst Herzfeld hat von 1911 bis 1914 in Samarra gegraben.

Die Berliner Museen waren immer schon in diesem uralten Kulturland aktiv. Das setzt sich bis heute fort. Im Emirat Sharjah hat jetzt die Ausstellung Early Capitals of Islamic Culture. The Artistic Legacy of Umayyad Damascus and Abbasid Baghdad (650-950) eröffnet, bestückt mit 100 Artefakten aus dem Museum für Islamische Kunst Berlin. Sein Direktor Stefan Weber warnte bei der Vernissage: „All diese historischen Orte sind in extremer Gefahr. Es ist unser gemeinsames Erbe.“ Von Damaskus nach Bagdad. Es ist das riesige Gebiet, das der IS zum Teil schon unter Kontrolle hat.



Parallelwelten: Man bekommt die Bilder der IS-Gräuel nicht aus dem Kopf, wenn man in Dubai landet, einem globalen Wirtschaftszentrum, und ins benachbarte Sharjah fährt. Das drittgrößte der Arabischen Emirate hat die dreifache Fläche Berlins, aber nur ein Drittel seiner Einwohner und ein strenges Alkohol- und Drogenverbot. Aber Sharjah setzt auf Kultur. Im November ist dort Buchmesse, im Frühjahr wieder die Kunst-Biennale, die sich einen internationalen Rang erworben hat. Es gibt in Sharjah 16 (kleinere) Museen. Sie werden von Manal Ataya, einer Frau, geleitet.

Anders als in Abu Dhabi, dem größten und reichsten der sieben Emirate, das mit Guggenheim- und Louvre-Dependancen Glamour einkauft, fördert Sharjah in seinen Institutionen eine nachhaltige, lokal orientierte Entwicklung. 2014 trägt das Emirat den Titel „Islamische Kulturhauptstadt“; Ähnliches kennt man aus Europa. Sharjahs Oberhaupt Sultan bin Mohamed al Qasimi herrscht seit 1973. Der heute 73-Jährige studierte in England Geschichte und Philosophie, er schrieb historische Bücher. Die Ausstellung der Early Capitals hat der Kunstsammler persönlich eröffnet, in einem umgebauten Souk, einem langgestreckten, zweistöckigen Bau mit Goldkuppel.

In Schutt und Asche

Hier wurde 2008 das Museum for Islamic Civilization eingeweiht, zur gleichen Zeit wie das prachtvolle, von I. M. Pei entworfene Museum for Islamic Art in Doha, der Hauptstadt Katars. Das Metropolitan Museum New York und der Pariser Louvre haben in jüngster Vergangenheit ihre islamischen Bereiche ausgebaut und modernisiert, und in Toronto präsentiert sich seit September ein neues Museum mit der Sammlung des Aga Khan. Es ist von großer Bedeutung, dass die islamische Welt aus der Rolle des Opfers herauskommt – und den Verbrechern entgegentritt, die im Namen Allahs köpfen und steinigen.

Berlin und Sharjah sind eine langfristige Zusammenarbeit eingegangen, auch das Goethe-Institut beteiligt sich daran. Es organisiert und finanziert den Austausch von Museumsleuten und ein Education-Programm. Dabei geht es um Fragen der Konservierung von Museumsstücken, Marketing und Vermittlungsstrategien. Die noch jungen Museen müssen sich ein Publikum heranziehen. Schon die erste Ausstellung im Museum for Islamic Civilisation, das mit Ulrike Al-Khamis eine deutsche Vizedirektorin hat, The Radiance of Islamic Art, kam von der Museumsinsel. In der internationalen Kuratorensprache heißt das shared heritage, geteilte Erbschaft.

Riesig die Dimensionen, die sich in der Ausstellung in Sharjah auftun. Es waren Weltreiche. In Damaskus steht immerhin noch, auf Fundamenten einer christlichen Basilika und eines römischen Jupitertempels, die große Moschee der Umayyaden, Johannes der Täufer soll dort begraben sein. Der kilometerlange, überdachte Souk von Aleppo, wo man sich noch vor wenigen Jahren ein Gefühl für Geschichte und wechselnde Kulturen erlaufen konnte, liegt jetzt in Schutt und Asche.

Die Kalifen hielten sich nicht mit Zerstörungswerk auf

Museumdirektor Stefan Weber, der in Syrien gelebt hat, wird mit der bitteren Erkenntnis konfrontiert, dass seine historische Schau von brennender Aktualität ist. Sie zeigt an auserlesenen Stücken, wie die Kalifen, die Nachfolger Mohammeds, ihre Macht und Pracht entfalteten. Jagdszenen auf einem Silberteller, fantasievolle Trinkgefäße lassen ein nobles Leben erahnen, für das der Dekor nicht bloß Schmuck, sondern wesentliches Element auch des Glaubens war. Man sieht an frühen Beispielen islamischer Kalligrafie, wie die arabische Schrift überhaupt erst entsteht. Münzen beweisen, wie eng sich die junge islamische Kultur am reichen byzantinischen Formenschatz orientierte. Bei den Abassiden, die auf die Umayyaden folgten, spürt man wiederum einen starken persischen Einfluss.

Die herrliche Fassade des Wüstenschlosses von Mschatta (im heutigen Jordanien) gelangte 1903 nach Berlin. Sie ist eines der eindrucksvollsten Artefakte im Museum für Islamische Kunst. Für Sharjah hat der Berliner Ausstellungsarchitekt Youssef El Khoury gezaubert: Nur eine Rosette aus Kalkstein, mit einem Durchmesser von knapp einem Meter, machte die Reise an den Golf. Doch mit raffinierter Spiegeltechnik entsteht die Illusion eines eleganten Refugiums in der Wüste. Mschatta entstand Mitte des 8. Jahrhunderts und besaß ein überbordendes Bildwerk mit Tieren, Pflanzen und auch menschlichen Figuren. Weinreben in Hülle und Fülle. Das islamische Tabu der Menschendarstellung und des Alkoholgenusses war nicht in Stein gemeißelt, ebenso wenig wie der spät eingeführte Zölibat im Katholizismus, an den zur Umayyaden-Zeit noch nicht zu denken war.

Die Verbindungen Mschattas zur griechisch-römischen Spätantike springen ins Auge. Das Kalifat der Umayyaden, nachzulesen im englisch-arabischen Begleitbuch (Hirmer Verlag), pflegte das kulturelle Erbe der eroberten Landstriche und baute die Handelswege aus. Man könnte auch sagen, die Kalifen von Damaskus und später von Bagdad hielten sich nicht mit sinnlosem Zerstörungswerk auf. Sie erkannten die Bindekraft und den gesellschaftlichen Reichtum der unterworfenen Ethnien. Bagdad war im 9. Jahrhundert ein Forschungszentrum. Antike Autoren wurden ausgegraben, übersetzt, neu bewertet – und für Europa reimportiert. Dieser Teil unserer Geschichte wird oft vergessen.

Es gibt keinen Anlass, die frühen Kalifate für allzu friedfertig zu halten. Sie führten Eroberungskriege wie die Römer, die Perser, die Türken. Aber sie achteten die Kultur, sorgten für wissenschaftlich-zivilisatorischen Fortschritt und waren nicht auf die Vernichtung anderer Glaubensrichtungen aus. Die historischen Tatsachen werden von den Faschisten des IS in ihrem perversen Drang nach alter Größe komplett ignoriert.

Mit freundlicher Genehmigung des Berliner „Tagesspiegel“, wo der Artikel am 24. Oktober 2014 erschienen ist.