Zum Tod von Ulrich Beck „Der größte Soziologe seiner Generation“

Risikoforscher Beck: „Ein inspirierender Gesprächspartner“
Risikoforscher Beck: „Ein inspirierender Gesprächspartner“ | Foto: BeckGroeberKleine/Wikimedia (CC BY-SA 3.0)

Er war einer der bedeutendsten Intellektuellen des Landes, politischer Vordenker und Bestsellerautor. Und ein guter Freund des Goethe-Instituts. Jetzt ist der Soziologe Ulrich Beck im Alter von 70 Jahren gestorben. Das Goethe-Institut trauert.

„Ulrich Beck war der größte Soziologe seiner Generation.“ Es sind diese ebenso schlichten wie unzweideutigen Worte, mit denen Lord Anthony Giddens in der „Süddeutschen Zeitung“ seinen Nachruf auf den geschätzten Kollegen beginnt – ohne Pathos, aber auch ohne Angst vor Superlativen. Nicht nur für den Briten steht die Bedeutung Becks außer Zweifel.

Mit dem Goethe-Institut verband Beck seit langem eine enge Freundschaft. Er war immer wieder zu Gast in zahlreichen Goethe-Instituten in aller Welt. Genua, Beirut, Barcelona, Sofia, Sarajevo – das sind nur ein paar der Stationen, wo Beck die Zuhörer mit seinen Vorträgen und Diskussionsbeiträgen beeindruckte. „Als herausragender Wissenschaftler war er nicht nur fachlich ein inspirierender Gesprächspartner“, erinnert Johannes Ebert, der Generalsekretär des Goethe-Instituts. „Berührend war auch seine Offenheit und das große Interesse, mit denen er sich auf die Fragen und Ansichten des Publikums seiner Gastländer einließ.“ Klaus-Dieter Lehmann, der Präsident des Instituts, ergänzt: „Ulrich Beck vertraute der Eigenverantwortlichkeit des Individuums. Er sah darin Voraussetzung und Chance, die epochalen Veränderungen zu meistern und daraus gemeinsame Verantwortung zu entwickeln.“

Das Gemeinsame, das Verbindende stand für Beck stets im Mittelpunkt. Noch vor wenigen Wochen war Ulrich Beck zu Gast im Goethe-Institut Sarajevo, das gemeinsam mit der dortigen Universität eine Vortragsreihe zum Thema Kultur – Identität – Bürgerschaft organisiert hatte. Am Ende der Veranstaltung bedankte sich der Dekan der Fakultät der Politischen Wissenschaften sichtlich bewegt bei Beck und unterstrich, dass dies das erste Mal nach dem Bosnienkrieg gewesen sei, dass Studenten aus ganz Bosnien und Herzegowina gemeinsam eine Vorlesung hörten. Die Studenten standen auf und feierten Beck mit enthusiastischem Applaus.

Als Risikoforscher hatte Beck viele politische Debatten der vergangenen Jahrzehnte geprägt. Berühmt wurde er 1986 mit dem Bestseller Risikogesellschaft, der in mehr als 35 Sprachen übersetzt und 2007 mit dem Buch Weltrisikogesellschaft aktualisiert wurde.

Nach Becks Analysen krankt die moderne Gesellschaft nicht an ihren Niederlagen, sondern an ihren Siegen: Der weltweite Terrorismus ist Konsequenz eines Sieges der Moderne. Die Klimakatastrophe droht, weil die Industrialisierung so erfolgreich war. Die Massenarbeitslosigkeit folgt aus den Produktivitätsgewinnen. Die Alterspyramide sprengt die Sozialsysteme, weil die Medizin die Menschen länger leben lässt.

Becks Ausführungen zur sozialen Konstruktion globaler Risiken in der „zweiten Moderne“ fanden viel Zustimmung: Weil das Risiko – als Vorwegnahme einer möglichen Katastrophe – nicht messbar ist, hängt sein gefühltes Ausmaß von der Definition ab. Es kann dramatisiert oder minimiert, verwandelt oder geleugnet werden. Und es muss sichtbar werden – etwa als Wirbelsturm, der zum Vorboten der Erderwärmung erklärt wird.

Die globalen Weltrisiken, so argumentierte Beck, entziehen sich der Kontrollierbarkeit. Er kritisierte, dass die Politik mitunter den Schrecken inszeniere und die Terrorangst nutze, um ungehemmt Sicherheitsgesetze und Überwachungsinstrumente auf den Weg zu bringen.

Mit Humor, griffigen Bildern und Bodenhaftung publizierte Beck – gelegentlich gemeinsam mit seiner Frau und Kollegin Elisabeth Beck-Gernsheim – einen Bestseller nach dem anderen. In Das ganz normale Chaos der Liebe (1990) und Fernliebe: Lebensformen im globalen Zeitalter (2011) beschrieb das Paar das Zerbrechen traditioneller Werte und Bindungen sowie die Folgen der Individualisierung.

Ulrich Beck im Interview mit dem Goethe-Institut Spanien zum Thema Mobilität:



-db/dpa-