Unbekanntes Europa Vorbild Rotterdam

Rotterdams Hafen mit der Erasmusbrücke: Wann ist man ein Rotterdamer?
Rotterdams Hafen mit der Erasmusbrücke: Wann ist man ein Rotterdamer? | Foto: Gerhard van Roon

Rotterdam hat nicht nur prestigeträchtige Architekturprojekte und den größten Hafen des Kontinents. Die jüngste Entwicklung zeigt: Rotterdam könnte die erste Stadt werden, in der die Utopie einer transkulturellen Identität Wirklichkeit wird. Von Su-Ran Sichling

Hauptakteur in diesem fantastisch anmutenden Experimentierfeld Rotterdam bleibt der riesige Hafen: Auch wenn er seine ehemalige Bedeutung als wichtigster Arbeitgeber verloren hat, ist er der mit Abstand größte Hafen in Europa und der zweitgrößte der Welt. Es sind die vielen Containerschiffe und das Hafengelände, die sich sofort als Bilder von Rotterdam aufdrängen.

Seitdem die Altstadt 1940 von der deutschen Luftwaffe in Schutt und Asche gelegt wurde, ist die Stadt in Verruf geraten – als Stadt der Arbeit, die, anders als die pittoreske Nachbarstadt Amsterdam, noch nie Wert auf ein schönes Stadtbild gelegt habe. Die neu gestaltete Innenstadt mit ihren Nachkriegsbauten proklamierte einen Schnitt mit der Geschichte und den Glauben an eine bessere Zukunft. Auch heute noch ist sie Schauplatz von ambitionierten Architekturprojekten wie beispielsweise dem jüngst realisierten Dreifachturm De Rotterdam von Rem Koolhaas.

Immer wieder fühlten sich jedoch die Rotterdamer von den Entwicklungen in ihrer Stadt abgehängt. Seit der steigenden Arbeitslosigkeit während der Öl- und Wirtschaftskrise in den Siebzigerjahren gilt die Stadt auch als Symbol von Armut und Verfall. Und doch übersieht der schnelle Blick das beinahe Wichtigste, das der Hafen über die Jahrhunderte hinweg geprägt und beeinflusst hatte: die Bewohnerinnen und Bewohner Rotterdams. Seit 400 Jahren zieht der Rotterdamer Hafen vor allem durch seine Anbindung an die Welt Menschen aus allen Ländern an: flämische Flüchtlinge, französische Hugenotten, englische Philosophen, deutsche Hausangestellte, Brabanter Arbeiter, chinesische Seeleute und in der Nachkriegszeit dann Arbeiter aus Marokko, der Türkei, den Kapverden und Suriname.

Transkulturelle Mahlzeit

Paul van de Laar, der Direktor des Rotterdamer Stadtmuseums, beugt sich begeistert vor, wenn er über dieses Thema spricht. „Es ist genau diese Mischung aus Menschen und deren Kulturen, die das heutige Rotterdam ausmacht“, so van de Laar. Seine 2013 eröffnete Ausstellung Echte Rotterdammers fragt: Wann ist man ein Rotterdamer? Wenn man hier geboren ist?

Van de Laar möchte eine transkulturelle Identität veranschaulichen, die sich aus vielen Einflüssen speist. „Schauen Sie sich doch das Essen in Rotterdam an. Gerade hier wird es deutlich“, rät van de Laar. Und, in der Tat, der Kapsalon (übersetzt: Friseursalon), eine Rotterdamer Spezialität, an jeder Ecke zu kaufen, bildet die perfekte Synthese aus unterschiedlichen Kulturen. Mittlerweile ein Exportschlager, der sogar in einigen Berliner Imbissen angeboten wird, proklamiert er genau diese kulturellen Vermischungen des Alltags. In einer Einweg-Aluminiumschale werden Pommes Frites, Döner- oder Shawarmafleisch, Knoblauch- und scharfe Sambalsoße übereinander geschichtet, mit Käse überbacken und anschließend mit frischem Salat serviert. Erfunden wurde der Kapsalon 2003 von dem kapverdischen Friseur Nathaniël Gomes, der den benachbarten Shawarma-Laden beauftragte, aus seinen Lieblingszutaten ein Gericht zu kreieren.

Die Mischung macht’s: Rotterdam hat einen der höchsten Migrantenanteile Europas Die Mischung macht’s: Rotterdam hat einen der höchsten Migrantenanteile Europas | Foto: Gerhard van Roon Und selbst typisch holländische Orte sind mittlerweile Schnittstellen unterschiedlicher Kulturen: Die Schouw ist eine Bar in der Witte de With Straat, in der das Heineken in schlanken Biergläsern ausgeschenkt wird. Laut und fröhlich kommen hier Menschen aller Altersgruppen miteinander ins Gespräch – einige Gäste tanzen zu Musik aus den Siebzigern und Achtzigern. Plötzlich taucht er auf: Der Sambalman. Ein großer Mann, der aus einem Körbchen seine Schätze hervorblitzen lässt. Bunte Saucen aus Suriname, braun, rot, gelb – von würzig-erdig (das Tamarindenchutney) bis höllisch scharf (das gelbe Chutney aus Madame Jeanette-Chilischoten). Viele der Bargäste haben auf ihn gewartet und kaufen freudig seine Gläschen. Gleichzeitig erzählen sie davon, wie sie zu Hause sein Sambal kombinieren: auf einem Käsebrot, mit gekochten Kartoffeln oder als Sauce zu einem Fleischgericht.

Ein Denkmal den Gastarbeitern

Schon bald wird der Anteil der Rotterdamer Bewohner mit Migrationshintergrund mehr als 50 Prozent ausmachen. Im Vergleich zu anderen europäischen Metropolen hat Rotterdam schon jetzt den höchsten Migrationsanteil in seiner Bevölkerung. Seit 2009 hat die Stadt zudem mit Ahmed Aboutaleb einen Bürgermeister mit holländisch-marokkanischer Doppelstaatsbürgerschaft. Im Schatten von Barack Obamas Wahl zum ersten schwarzen US-Präsidenten wurde dieser europäische Durchbruch beinahe übersehen. Und während Berlin im vergangenen Sommer über die Nachfolge von Bürgermeister Klaus Wowereit diskutierte und darüber, ob die Berliner schon bereit seien für den Deutsch-Palästinenser Raed Saleh, steht Ahmed Aboutaleb schon seit fünf Jahren als erster muslimischer Immigrant an der Spitze einer Metropole im „christlichen Abendland“. Zudem gibt es niederlandeweit eine große Zahl von Stadträten, in denen Abgeordnete mit Migrationshintergrund vertreten sind, die keine niederländische Staatsbürgerschaft besitzen.

Auch wenn gerade diese Rotterdamer noch unterrepräsentiert sind in den besseren Wohnbezirken, Universitäten oder auch bei den Eröffnungen von Kunstausstellungen, ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich die Lage für Migranten verbessert, davon ist Paul van de Laar überzeugt. Auch hier könnte Rotterdam eine Vorreiterrolle zukommen. Immer wieder überrascht, was hier unbeachtet der europäischen Aufmerksamkeit entsteht.

Denn obwohl sich in der Nachkriegszeit Gastarbeiter in den meisten europäischen Ländern am Wiederaufbau beteiligten, gedenkt nur Rotterdam seiner migrantischen Helfer – in Form eines Monuments: Hier steht das erste Gastarbeiter-Denkmal Europas. Ende 2013 eingeweiht, erinnert das aus unterschiedlichem Terrazzo gegossene Objekt an eine bunte Weltraumrakete. Ein goldener Stern bildet die Spitze. Auch wenn das Monument aus heutiger Sicht wie ein utopisches Science-Fiction-Gefährt aussieht, hier in Rotterdam könnte eine Utopie zum ersten Mal Realität werden: die Utopie einer transkulturellen Identität.