„Moves from Germany“ in Dublin Die etwas andere Deutschstunde

Break-letics mit Peter Sowinski: Der Mix aus Akrobatik, Tanz und Musik erfordert äußerste körperliche Präzision
Break-letics mit Peter Sowinski: Der Mix aus Akrobatik, Tanz und Musik erfordert äußerste körperliche Präzision | Foto: Dublin Dance Festival

Mit Moves from Germany mischen die Hip-Hop-Meister der deutschen Tanzkompanie Renegade das Dublin Dance Festival auf – und führen 36 junge Iren in die hohe Kunst des Breakdance ein. Von Deirdre Mulrooney

Sie heißen Renegade, kommen aus dem Ruhrgebiet und haben bei ihrer Ankunft in Dublin ein Versprechen im Gepäck: „Wir sorgen dafür, dass euch die Muskeln brennen.“ Und genau das ist es, was drei Dutzend irische Schüler von ihnen wollen. Denn die Chance, an einem Workshop der Hip-Hop-Lehrmeister Peter Sowinski, Pia Grohmann, Janis Heidmann und Youngung Sebastian Kim teilzunehmen, hat nicht jeder. Die 18 Schülerinnen der St. Louis High School und 18 Schüler der benachbarten St. Mary’s Boys’ School wurden per Los ausgewählt. Mitmachen wollten mehr als doppelt so viele.

Die Teenager, die jedes Jahr eine Musical-Produktion auf die Beine stellen (im nächsten Jahr Calamity Jane) werden von den Mitgliedern der Tanzkompanie aus Herne gleich in drei Gruppen aufgeteilt. Arbeitssprache ist Deutsch, denn der Workshop ist Teil von Moves from Germany, dem deutschen Beitrag zur diesjährigen Ausgabe des Dublin Dance Festival, organisiert vom Goethe-Institut.

Das Open-Air-Festival findet an einem sonnigen Mai-Wochenende in der irischen Hauptstadt statt und präsentiert ein eindrucksvolles Potpourri unterschiedlicher Höhepunkte des Gegenwartstanzes: So reißt etwa die Company B, ein Quartett aus jungen Männern, das Publikum mit dem selbst erarbeiteten Stück Inclusion of Exclusion mit. Mit synchronen Sprüngen, gefühlsintensiven Solos, rustikalen Rugby-Headlocks, Hand-balancing und furiosen Starjumps entfesseln die Tänzer das gesamte Spektrum der Emotionen, die in einem 15-Jährigen toben können. Und die ikonische, 15-minütige Tanzperformance von La Macana sprengt in bestem Grunge Style buchstäblich Grenzen, als Caterina Varela über den Bühnenrand hinabgleitet und schneckengleich über den Asphalt kriecht, während ihr Partner zu Klängen der Einstürzenden Neubauten auf ihrem Rücken balanciert.

Janis Heidmann mit „Uptown Funk“ Janis Heidmann mit „Uptown Funk“ | Foto: Dublin Dance Festival Unterdessen ächzen, stöhnen und kichern die Teilnehmer des Renegade-Workshops nervös, während sie sich in der Turnhalle von St. Mary's an diversen Press-ups, Sit-ups und Yoga-ähnlichen Figuren versuchen. Die knallharten Grundübungen beinhalten mehr Liegestütz-Varianten, als sich die jungen Tänzer wohl je zugetraut hätten. Die erste Unterrichtseinheit heißt break-letics. Die Lehrer Peter Sowinski und Youngung Sebastian Kim zeigen den Schülern, dass der Mix aus Akrobatik, Tanz und Musik vor allem äußerste körperliche Präzision erfordern.

„Wir verwenden Elemente aus Yoga, Kampfsport und allen möglichen Disziplinen“, erklärt Kim. Hip-Hop habe sich in New York herausgebildet, Einflüsse aus Kung-Fu-Filmen, Stepptanz, Salsa, Rocking, Popping, Locking, Yoga, Kampfsport und Urban Dance integriert und längst den Mainstream des zeitgenössischen Tanzes unterwandert. So hätten etwa auch die Pina-Bausch-Tänzerinnen Regina Advento und Nayoung Kim schon mit Renegade zusammengearbeitet.

In der zweiten Einheit führt Janis Heidmann die Schüler vor den Spiegel. Sie sollen nun darauf achten, dass ihre Bewegungen in Ausführung und Rhythmus synchron sind. Hierzu hat sich Heidmann die Choreografie zu Bruno Mars’ Musikvideo Uptown Funk vorgenommen: „Ride the horse – slide – give them a kiss – step – turn – step – turn – wave ... Die Beine raus – Knie nach vorne – Hüfte nach vorne ...“. Deutschunterricht, der bewegt.

Im dritten Teil schließlich sollen sich die Schüler auf den Holzboden legen, um das Einmaleins von Foot threading, Body wave und den optisch eindrucksvollen Baby freeze zu lernen. Die Verwandlung in einen Breakdancer geht nicht über Nacht vonstatten, da ist der Baby freeze sehr dankbar, denn er ist vergleichsweise einfach zu erlernen: Der Körper wird in der Bewegung eingefroren, während der Kopf Bodenkontakt hat und die Beine in verschiedenen Variationen in die Luft gehoben werden. Vor allem die Mädchen erweisen sich als ziemlich geschickt.

Zum Abschluss des Festivals kommen dann auch die angehenden Breakdancer voll auf ihre Kosten. Denn im finalen Hip-Hop-Jam treten auch ihre Lehrer von Renegade auf – teils allein, teils mit Irlands Hip-Hop-Champion Tobi Omoteso. Mit von der Graffiti-Kultur inspirierten Bewegungen, skurrilen Sprüngen im „Crab Style“ und Kopfständen zeigen sie, dass sie nicht nur die Muskeln anderer Leute zum Brennen bringen können.