„Hidden Places“ So klingt Island

Tonspur – Den Tönen auf der Spur
Tonspur – Den Tönen auf der Spur | Foto: Gabi Schaffner

Ein Besuch in Island ist ein Fest für die Sinne. Vor allem die überwältigenden visuellen Eindrücke sind es, die man mit dem Land verbindet. Doch wie klingt Island? Die Künstlerin Gabi Schaffner hat sich auf die Suche nach den „Hidden Places“ der Insel gemacht.

Unterstützt vom Goethe-Institut besuchte Schaffner Island im Frühsommer. Ausgestattet mit Mikrofonen, Kopfhörern und Laptop reiste die Künstlerin durch das Land, ließ sich auf die verschiedenen Orte ein. Was passiert, wenn die Grenzen zwischen Geist und Ort verschwimmen, fragte sie sich. Das Ergebnis ist eine Mischung aus Dokumentation und Dichtung:

Prelude: Wind

„Vindur“, der isländische Wind ist allgegenwärtig. Er zaust das Fell des Mikrofonschutzes, wühlt sich zu den Membranen vor und vernichtet oft das Material an Ort und Stelle. Die windstillste Zeit ist der Abend, wenn der Wind sich legt, irgendwo hin zwischen die Höhen und Senken oder in einen Teil der Hochlandwüsten, wo er sich wie ein rauschendes Seidenlaken über die unzähligen Kiesel breitet und verstummt. Eine gute Zeit, mit dem Mikrofon vor die Tür zu gehen ...

Achtung, Aufnahme! Die Künstlerin und ihr Geräuschmotiv Achtung, Aufnahme! Die Künstlerin und ihr Geräuschmotiv | Foto: privat Fauchende Quellen, blubbernde Schlammtöpfe, Flussläufe, Gletscher und Vulkane: Es sind zumeist Bilder, die einem, denkt man an Island, vor Augen kommen. Die Klangwelten Islands scheinen dagegen unspektakulär. Oft werden sie vor Ort nicht einmal bewusst wahrgenommen. Denn es fällt schwer, sich von der Schönheit der Landschaft zu lösen. Das Auge abzuwenden und das Gehör zu öffnen. Es sind verschlungene, nur halb bewusste Pfade, über die sich im Hinhören und Zuhören, über das ins Ohr Eingehende die hybride Musikalität Islands erschließt. Der Lauschende empfängt unendliche Variationen des immer Gleichen – ein Code, der aus nur wenigen Elementen besteht und durchbuchstabiert wird von Wetter und Winden, von Eis, Wasser, Stein und heißer Erde. Und so lauscht man schließlich zeitvergessen einer „Musik“, die, angesiedelt zwischen geologischer Phänomenologie und Goldberg-Variation, dem Hörenden eine Wanderung zwischen Traum und Bewusstsein erschließt.

Brandung Vik, Süd-Island

Der schwarze Sand der Bucht erstreckt sich in einem langgezogenen Halbrund, zu rechter Hand das Felsentor von Dyrholaey. Die Wellen rollen weiß unter einem grauen Himmel mit einem einzelnen Streifen Blau. Die sich ankündigende Brandung trägt auf ihrem langen, glatten Rücken einen Ton herbei, der von den Steilwänden der Küste zurückgeworfen wird: ein hochtöniges Grollen, ein Echo im Echo, das sich im Brechen der Wogen am Strand auffächert zu einem tausendfachen unverortbaren Seufzen. Das Mikrofon liegt zwischen zwei kleinen Felsen nah der Wellengrenze, an denen der Schaum leckt. Abertausende kleiner Bläschen, die prickelnd aufplatzen, das scharfe Zischen des Sogs der Welle auf ihrem Rückzug. Oben durch die Luft gleiten die Klangmassen wie Körper unsichtbarer riesiger Tiere, Scharen singender Wale aus Luft, Gischt und Kristall.

 Foto: Gabi Schaffner

Bachlauf, Fljótstunga. westliches Inland

Eine Woche Schnee und starker Winde. Die Flussböschungen sind mit Eisborten umhäkelt, Steine und Felsen tragen eiskalte Spitzenhäubchen. Der Bach fließt unweit der Piste, die zu den Höhen des Langjokull, des zweitgrößten Gletschers Islands führt. Die Hände sind krebsrot vor Kälte, die Haare feucht vom Wetter, das Mikrofon ruht nahe einem Dreifach-Rinnsal im Schutz meiner einzigen Mütze auf ein paar eisüberkrusteten Moosen. Das Eis erhöht die Frequenzen, sie klingen brüchig, gläsern, kristallen. Darunter der Ton des eigentlichen Baches: Dunkler, schwerer und melancholisch. Links hinten ein reges, helltöniges Tröpfeln, Trommelwirbel in ultrakurzen Intervallen. Ansonsten: der Ruf des Singschwans, fern.

 Foto: Gabi Schaffner

Ebene vor Strútur, westliches Inland

Es geschieht, dass man sich in einer Wüste mit einem Male bewusst wird, dass nichts zu hören ist. Der Wind hat sich gelegt, der Boden ist dunkler Schotter. Es gibt keine Pflanzen, keine Insekten. Es gibt keine Vögel. Außer dem eigenem Atem, Rascheln der Kleidung, Geräusch der eigenen Schritte: Nichts. Dies ist der Moment, um dem Klang der Steine zu lauschen. Nicht jeder Stein klingt gleich. Die flachen Plättchen erzhaltigen Schiefers, die zu Milliarden zersplittert ganze Berge bedecken, klirren mit einem hellen Knacken unter den Füßen, dass im Rieseln, Schütten, unter den Stiefeln weggleiten fast so melodiös wie Wasser klingt. Einzeln erklingt ein Pling, das dem Knacken eines Eiswürfels in einem Glas Gin Tonic zum Verwechseln ähnelt.

 Foto: Gabi Schaffner

Reykholt, nördliches Südisland

In der Dämmerung leuchten die Treibhäuser quittengelb im Lichte der Natriumdampf-Lampen. Feigenbäume, Oleander, Tomaten pressen ihr Blattwerk gegen die angelaufenen Scheiben, als gelte es auszubrechen aus ihren gläsernen Containern. Unweit auf einem Hügel steht eine schiefe Konstruktion mit in den Abendhimmel ragendem Schornstein. Ein von Vibrationen durchbebter vernarbter Metallkörper auf einem Betonsockel, zitternde Streben, durchrostete Löcher, aus denen Dampfwölkchen quellen … Vor Schreck lasse ich das Mikrofon fallen: Ein jähes Aufbrüllen aus dem Inneren entlässt eine meterhohe Dampfsäule nach oben. Die Rohre speien kochendes Wasser. Dreieinhalb Minuten lang stampft, ächzt, quietscht der gezähmte Geysir unter seiner schrundigen Hülle und erschüttert die Luft mit animalischem Fauchen als säße ein gefangener Drache darin. Wie mir eine Nachbarin später erzählte, beheizte dieser Drache noch vor wenigen Jahren das einzige Backhaus des Ortes.

 Foto: Gabi Schaffner