Stücke zur Krise Ach, Europa ...

Die große Säuberungsaktion: Szene aus „Clean City“
Die große Säuberungsaktion: Szene aus Clean City | Foto: Gely Kalambaka

Europa steckt in der Krise. Mal wieder? Immer noch? Geht es gerade erst richtig los? Der Vorhang zu und alle Fragen offen? Nein. Der Vorhang hebt sich erst – ab Mittwoch bei Europoly, einem Festival des Goethe-Instituts und der Münchner Kammerspiele.

Es klingt ebenso ungewöhnlich wie vielversprechend: Oper für zehn Kassiererinnen, Supermarktgeräusche und Klavier. Gut, man würde Have a Good Day! vielleicht nicht auf dem Grünen Hügel in Bayreuth oder in der Mailänder Scala erwarten. Aber da wird die Oper „aus dem Herzen des Kapitalismus“ auch gar nicht aufgeführt. Die Protagonisten, zehn Supermarkt-Kassiererinnen aus Litauen, klagen und singen vielmehr auf der Bühne der Münchner Kammerspiele – beim Festival Europoly.

Oder das hier: Monday – Watch out for the right! heißt die Performance, bei der Cláudia Dias und Pablo Fidalgo Lareo miteinander in den Ring steigen. Denn in Wirklichkeit ist es ein Boxkampf. Doch es ist ein ungleicher Kampf. Während die Choreografin mit ihren Fäusten zuschlägt, kontert der Dichter mit Worten. Seine Fragen treffen wie Kinnhaken, ihre Schläge wie gute Pointen. Doch wer von beiden wird zu Boden gehen? Wird es überhaupt einen Sieger geben? Immerhin zwölf Runden lang geht der Fight der Portugiesin und des Spaniers.

Und eine Frage von noch größerer Tragweite beschäftigt eine PR-Agentin in dem Bühnenthriller Lessons of Leaking: Leaken oder nicht leaken? Wir schreiben das Jahr 2021, Deutschland steht unmittelbar vor einem Volksentscheid über den Verbleib in der EU, und die Frau ist durch einen Zufall in den Besitz einer streng geheimen Information gekommen, deren Veröffentlichung ganz Europa erschüttern würde. Soll sie sie für sich behalten?

So unterschiedlich die Geschichten sind, die beim Europoly-Festival an den Münchner Kammerspielen erzählt werden, so verbindet sie doch alle dasselbe Grundthema: Europa in Zeiten der Krise. Insgesamt fünf Performance-Kollektive hat das Goethe-Institut eingeladen, Bühnenwerke zu den veränderten Lebensrealitäten in Europa zu erarbeiten. Die Gruppen kommen aus Griechenland, Litauen, Irland, Portugal und Deutschland.

Wie verändert sich der Kontinent?

Doch es gibt noch mehr als die Bühneninszenierungen: Das von Dorothee Wenner und Anna Mülter kuratierte Projekt Europoly ist trimedial: Theater, Film, Netz. Seit Dezember wurden Woche für Woche insgesamt neun Filme online gestellt. Anders als die Stücke haben sie jeweils eine Statistik als Ausgangspunkt. Wo schlafen die Menschen am wenigsten? Wo morden sie am meisten? Und wo essen sie am meisten Obst und Gemüse? In Deutschland übrigens gibt es prozentual gesehen die wenigsten Hundehalter.

Es geht um Stereotype, Überraschungen, um das „Neue Alte Europa“, wie es im Untertitel des Projekts heißt. Wie verändert sich der Kontinent? Wie lauten die neuen Spielregeln, an die sich die Menschen hier zu halten haben? Theatermacher, Filmregisseure, Schriftsteller, Schauspieler, Musiker, Entertainer und Aktivisten haben an Europoly teilgenommen und diesen Transformationsprozess auf unterschiedlichste Art und Weise dokumentiert.

Die Website verbindet die Film- und Theaterproduktionen. Zu jeder gibt es hier ein „Lab“, einen interaktiven Arbeitsraum, in dem man einen Blick hinter die Kulissen werfen kann. Hier können auch die User mit Fragen und Anregungen mitmischen. Die Filme werden auch während des Festivals gezeigt; zudem gibt es eine Masterclass, in der sich 15 Nachwuchskünstler aus den vertretenen Ländern treffen und ausgehend von den Bühnenproduktionen über Nutzen und Freiheit der Kunst diskutieren.

Europoly geht auf eine Idee von Johanna Keller zurück, der ehemaligen Leiterin des Goethe-Instituts Vilnius. Ihr war aufgefallen, dass man sich im übrigen Europa meist ein Bild von Litauen machte, das sich keineswegs mit dem deckte, welches sich ihr vor Ort darbot. „Wie können wir ein überraschendes Bild von Europa zeichnen“, lautete daher die Ausgangsfrage, der dann auch die Macher von Europoly nachgingen. Gerade in Zeiten der Krise.

Wer putzt?

Als die ersten Konzeptarbeiten zu Europoly begannen, war viel von Griechenland die Rede. Sehr viel. Und vom Euro. Wer heute freilich „Europa“ und „Krise“ in einem Atemzug nennt, spricht meist von den Flüchtlingsströmen, die hier ankommen, und den Herausforderungen, die sie mit sich bringen. Auch in Europoly werden die Themen Flucht und Zuwanderung nicht ausgespart.

So knöpft sich etwa der griechische Beitrag Clean City eine Forderung der Goldenen Morgenröte vor. Die rechtsextreme Partei will Griechenland von den Migranten „säubern“, die Regisseure Anestis Azas und Prodromos Tsinikoris ihrerseits fragen: Wer macht hier in unserem Land eigentlich sauber? Die Antwort: Migranten. In den Achtzigern kamen sie noch überwiegend von den Philippinen, dann aus dem Balkan und dem ehemaligen Ostblock, inzwischen vor allem aus Afrika und Asien. In Clean City erzählen Putzfrauen der verschiedenen Einwanderergenerationen von ihrer Arbeit.

Von bedrückender Aktualität ist auch die irische Produktion This Beach. Der Strand ist der Ort, wo Touristen und Flüchtlinge einander treffen. Kaum irgendwo offenbaren sich die Kontraste der beiden aufeinanderprallenden Welten so sehr wie hier. Die Theatertruppe Brokentalkers hat die metapherntaugliche Lokalität gewählt, um den verzweifelten Kampf einer Familie zu beschreiben, die ihre private Festung Europa gegen alles Fremde zu verteidigen sucht.
 
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Das Festival findet vom 17. bis 23. Februar an den Münchner Kammerspielen statt. Einzelne Vorstellungen sind zwar schon ausverkauft, für die meisten Produktionen gibt es aber noch Karten. Die genauen Termine finden Sie im Spielplan der Kammerspiele.

-db-