MOOC Das Internet als Forschungs-Bibliothek

Das Goethe-Institut bietet seit 2015 MOOCs im Bereich Kulturmanagement.
Das Goethe-Institut bietet seit 2015 MOOCs im Bereich Kulturmanagement. | Foto: Cordula Flegel

Wie ist das Verhältnis von Kunst und Kultur zu Markt und Marketing? Und was bedeutet Internationalisierung für die lokale Kulturlandschaft? 2015 bot das Goethe-Institut gemeinsam mit der Leuphana Universität Lüneburg zum ersten Mal den Massive Open Online Course (MOOC) „Managing the Arts“ als Weiterbildungsangebot für Kulturmanagerinnen und Kulturmanager an. Nun geht der MOOC in eine neue Runde. Chris Dercon, Direktor der Tate Modern in London, hat den Kurs moderiert und spricht mit Kathrin Passig über die Wichtigkeit digitaler Präsenz von Museen und warum Leute ohne YouTube-Account aus seinem Blickfeld verschwinden.

Herr Dercon, Sie sind Moderator des MOOCS „Managing the Arts“. Was denken Sie über dieses Lernformat?

Chris Dercon und Kathrin Passig Chris Dercon und Kathrin Passig | Foto: Cordula Flegel Wir müssen für die Zukunft darüber nachdenken, was mit Online-Lernen machbar ist. Es gibt inzwischen so viele neue Möglichkeiten. Ich glaube, das Digitale ist dabei ganz entscheidend. Was mich zum Beispiel sehr interessiert, sind Online-Bildungsangebote für Geflüchtete. Es ist ganz wichtig, das weiterzuentwickeln.

Ich hoffe, dass das Humboldt-Forum in Berlin so viel Aufmerksamkeit auf digitale Mitgestaltung, den digitalen Bau, die digitale Architektur verwendet wie auf die Rekonstruktion der historischen Schlossfassade. Weil das nur eine Fassade ist. Wenn man in der Welt Stellung beziehen will wie das Goethe-Institut oder das Humboldt-Forum, muss man ausloten, was sich mit digitaler Mitgestaltung, mit digitalem Lernen machen lässt.

In einem MOOC-Vortrag haben Sie gesagt: „Wir wollen keine Prestigebauten mehr. Wir denken anders über Erweiterungen nach. Wir bauen Netzwerke. Und diese Netzwerke sind oft das Web, Social Media, MOOCs, Lernen als eine Form der Teilhabe.“

Die neue Tate Modern, die am 16. Juni eröffnet, ist ein fantastisches Gebäude. Aber wegen der finanziellen Lage ist sie vielleicht das letzte Museum seiner Art, das letzte seiner Generation. Ich glaube, dass die Museumsarchitektur der Zukunft in vielerlei Hinsicht horizontaler sein wird. Mit Horizontalität meine ich auch die digitalen Erweiterungen von Museen. Max Hollein in Frankfurt ist da ein sehr gutes Beispiel. Er hat so viel Zeit, Geld und Energie in die digitale Erweiterung des Städel Museums gesteckt. Und das Interessante ist ja, dass die beiden Erfahrungen – analog, digital, die körperliche und die digitale Umgebung – sich gegenseitig gar nicht ausschließen. Die beiden Erfahrungen verstärken einander.

Wir haben festgestellt, dass wir vor Ort umso erfolgreicher sind, je mehr Leute unsere Tate-Website besuchen. Für viele deutsche Museen ist die Website immer noch nur ein Informationskanal. Aber ich glaube, man muss sie als Architektur begreifen.

Ich glaube, es ist noch schlimmer. Manche Museen wollen ausdrücklich auf der Website nichts zeigen, weil sie fürchten, dass die Leute dann nicht mehr zu ihnen kommen.

Das ist kompletter Unsinn. Das Gegenteil ist richtig. Je mehr Leute die Website anzieht, desto mehr kommen auch ins Museum. Weil die Leute beides brauchen. Natürlich wird das digitale Museum das physische nie ersetzen, sie ergänzen sich gegenseitig.

Man darf ein digitales Museum nicht wie ein Fenster betrachten, sondern muss es als eigenständigen Teil der Architektur betrachten. Deshalb ist es, glaube ich, nicht sinnvoll, das digital Sichtbare mit dem zu vergleichen, was vor Ort passiert. Man muss Aktivitäten für das digitale Museum entwickeln. Ich glaube, es bringt nichts, zu sagen: „Drinnen machen wir das, und was machen wir draußen?“ Das muss ganz eigenständig entwickelt werden. Aber irgendwo muss sich dann die Verbindung ergeben.
 


Welcher Teil Ihres Arbeitsalltags erfordert Ihre persönliche Anwesenheit, und welcher läuft über das Netz?

Ich würde sagen, im Moment sind drei Fünftel anwesenheitsbasiert und zwei Fünftel sind digital. Das ist ziemlich viel. Ich musste das erst lernen. Am Anfang war ich so pessimistisch!

Ich lerne immer noch ständig dazu. Zum Beispiel mussten wir herausfinden, dass Snapchat im Moment für unsere jüngeren Besucher viel effektiver ist als Periscope. Und dass ich das als Museumsdirektor überhaupt weiß, ist schon mal gar nicht schlecht, oder?

Was machen Sie in diesen zwei Fünfteln Ihrer Arbeitszeit?

Ich recherchiere viel. Ich folge den Tweets von Leuten, die mich interessieren, und bestimmten Instagram-Accounts: Zum Beispiel dem von Stephen Shore, der jetzt eine Ausstellung in Berlin hat. Er hat eine der interessantesten Instagram-Seiten. Ich verfolge, was Alice Rawsthorn bei Instagram macht, eine einflussreiche Designkritikerin bei der New York Times. Sie hat einen fantastischen Instagram-Account, aus dem ich viel lerne, nicht nur über Alices Ansichten über Design, sondern auch über andere Designaspekte, die mir neu waren. Das Web benutze ich wie eine Forschungsbibliothek. Wichtig ist, dass man selber auswählt, nicht alles einfach kommen lässt.

Und ich schaue natürlich auch YouTube. Als das zum Beispiel in der Volksbühne losging mit Claus Peymann, habe ich mir ständig seine Regie von Peter Handkes Publikumsbeschimpfung, die es auf YouTube gibt, angesehen. Das muss man sich mal vorstellen. Leute an der US-Ostküste, in der Germanistik in Princeton, wissen alles über René Pollesch. Sie waren noch nie in Berlin und sprechen gar nicht besonders gut Deutsch. Aber sie gucken sich René Pollesch bei YouTube an. Und sie folgen ihm bei Instagram. Auch der Filmemacher Alexander Kluge ist im Netz.

Wenn jemand seine Arbeit nicht auf YouTube zeigt, verschwindet er dann aus Ihrem Blickfeld? Manche weigern sich ja.

Ja, für mich ist das so, ich verpasse das dann. Es ist schade, dass manche Kunstinstitutionen wenig Zeit und Energie in ihre digitale Präsenz investieren. Das ist extrem wichtig, aber man muss es auch richtig machen. Deshalb sage ich immer: Du darfst das nicht nur als Propagandamittel betrachten, als Marketingwerkzeug. Du musst versuchen, etwas Gegenwärtigeres zu entwickeln, eine andere Darstellungsform für deine Ideen.



Chris Dercon, geboren in Lier, Belgien, ist Direktor, Ausstellungsmacher sowie Film- und TV-Autor. Er ist Direktor der Tate Gallery of Modern Art in London und wird 2017 Leiter der Volksbühne Berlin. 2016 moderiert er zum zweiten Mal den MOOC „Managing the Arts“ des Goethe-Instituts und der Leuphana Universität Lüneburg.

Das Interview führte Kathrin Passig. Sie ist Journalistin und Schriftstellerin. Seit vielen Jahren schreibt sie nicht nur im Internet sondern auch über das Internet und den Umgang damit. 2002 war sie Mitbegründerin der Zentralen Intelligenz Agentur, 2006 gewann sie den Ingeborg-Bachmann-Preis, 2012 veröffentlichte sie gemeinsam mit Sascha Lobo das Sachbuch Internet – Segen oder Fluch.