NO LIMITS? Überwindung von Grauzonen

Florencia Young und Marula Di Como
Florencia Young und Marula Di Como | © Migrantas

Mehr als 60 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht – sie fliehen vor Krieg, Verfolgung und Armut. Doch viele, die sich voller Hoffnung auf den Weg machen, erreichen ihr Ziel nicht. Sie scheitern an Grenzen – politischen, geographischen und ökonomischen. Wie sehen diese Grenzen eigentlich aus? Wie unterschiedlich oder auch ähnlich sind die lokalen Gegebenheiten an den verschiedenen Orten der Welt? Welchen Beitrag kann die Kunst in den globalen Diskurs einbringen? Die Veranstaltung NO LIMITS? des Goethe-Instituts und der Münchner Kammerspiele sucht nach neuen Strukturen der Solidarität in einer sich wandelnden Welt – live und zeitgleich per Videokonferenz in München, Mexiko-Stadt und Istanbul. Zu den Teilnehmern gehört das Künstlerkollektiv Migrantas mit Marula Di Como und Florencia Young aus Mexiko Stadt. Mithilfe von Piktogrammen wollen die beiden Künstlerinnen Flüchtlingen und Migranten im öffentlichen Raum eine Stimme geben.

Das Kollektiv Migrantas gibt es bereits seit 2004. Welche Idee steckt dahinter?

Unser erstes Projekt war das Proyecto Ausländer 2003, in dem wir unsere eigenen Erfahrungen als Migrantinnen in Piktogrammen dargestellt haben – in einfachen grafischen Darstellungen, die universell verständlich sind. Später haben wir in Buenos Aires und Berlin urbane Aktionen veranstaltet. Aber dann stellte sich die Frage: Können wir beide als Künstlerinnen mit unserem spezifischen Blick wirklich umfassend zeigen, wie es den Migranten geht? Welche Piktogramme könnten die Gefühle von Menschen repräsentieren, die ihre Heimat verlassen haben? Das war der Anfang des Kollektivs Migrantas.

Wir sind unterwegs mit: Wasser, Freude, Mantel, guten Erinnerungen, Bürste, Creme, Tränen, Liebe, Handschuhen, Mütze, Hoffnung, Turnschuhen Wir sind unterwegs mit: Wasser, Freude, Mantel, guten Erinnerungen, Bürste, Creme, Tränen, Liebe, Handschuhen, Mütze, Hoffnung, Turnschuhen | © Migrantas Wichtig war uns, unsere Arbeiten im öffentlichen Raum ausstellen zu können – das hat zuerst in Buenos Aires geklappt, dann auch in Berlin. Das Kulturamt Neukölln und die Berliner Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur haben unsere erste große Kampagne gefördert: Die Piktogramme wurden an Bushaltestellen und verschiedenen anderen Orten in der Öffentlichkeit positioniert.

Bei der Gestaltung Ihrer Piktogramme arbeiten Sie eng mit Migranten zusammen. Welche Erfahrungen haben Sie in der Zusammenarbeit mit ihnen gemacht?

Wenn wir einen Workshop machen, ist unsere erste Frage an die Teilnehmer: „Was möchtest du den Leuten, die in dieser Stadt leben, erzählen? Welche Geschichte, welche Erfahrungen?“ Wir sind der Überzeugung: Je mehr man über die anderen weiß, desto besser versteht man ihn auch. Der Dialog ist also extrem wichtig. Aus den Zeichnungen, die die Workshop-Teilnehmer erstellen, machen wir dann unsere Piktogramme.

Oft haben die Teilnehmer zuerst Angst und glauben, sie können sich zeichnerisch nicht richtig ausdrücken. Aber diese Angst vergeht schnell – man muss nicht malen können, Strichmännchen reichen vollkommen.

Die Veranstaltung „No Limits!“ findet zeitgleich in München, Mexiko-Stadt und Istanbul statt. Ähnelt sich die Situation der Migranten weltweit oder unterscheidet sie sich sehr?

Jede Stadt erzählt ihre aktuelle Situation, und die kann sich sehr stark unterscheiden. Die Situation in Mexiko zum Beispiel ist ganz anders als die Situation in Istanbul oder in Deutschland. Hier in Mexiko gibt es viele Migranten, die gekommen sind, um zu arbeiten. Das passiert nicht erst seit letztem Sommer, das passiert bereits seit Dekaden. Und in Istanbul und in Deutschland drängt die Situation mit den syrischen Kriegsflüchtlingen, die unbedingt nach Europa kommen möchten.

Die Geschichten und Erlebnisse, die die Leute mitbringen, unterscheiden sich allerdings gar nicht so stark. Wir stoßen auf viele universelle Momente. Die Geschichten von Menschen aus Salvador, die von ihrem dramatischen oder beschwerlichen Weg nach Mexiko-Stadt berichten, ähneln denen der Syrer oft sehr.

Grenze. Wegen Gewalt Grenze. Wegen Gewalt | © Migrantas Unterstützung bei Migration und Integration, interkultureller Dialog durch Kunst – der Gedanke ist schön, aber lässt sich das in der Realität umsetzen?

Jeder, der an einer Bushaltestelle wartet und so ein Piktogramm sieht, stellt sich zwingend Fragen: „Was soll das bedeuten? Was wollen die mir damit sagen?“ Wir versuchen, Menschen zu Denkprozessen anzuregen, Reaktionen hervorzurufen – und zwar bei allen. Sie können positiv oder negativ sein; Jeder hat eine individuelle Meinung. Und das ist auch gut so.

Mit den Piktogrammen können wir wirklich alle erreichen. Wir sind der festen Überzeugung, dass es nicht nur schwarz-weiß gibt. Viele Leute befinden sich eher in einer Grauzone, sind skeptisch oder ängstlich, weil sie gar nicht so genau verstehen, wie die Leute sich fühlen und wie es ihnen hier ergeht. Gerade diese Menschen wollen wir ansprechen und deshalb ist uns für unsere Projekte der öffentliche Raum so wichtig.

Veranstaltungen wie NO LIMITS? geben uns die Möglichkeit, zu berichten, was wir und unsere Kollegen aus der Kunstszene unternehmen, um etwas zu bewegen. Wir wollen Brücken zwischen den Geflüchteten und den Migranten zur Gesellschaft bauen. Wir wollen die Grenzen in den Köpfen der Menschen überwinden.

Die Fragen stellte Katrin Baumer.