Künstlerresidenz Bangalore Der Code der vielarmigen Göttin Kali

Der Künstler Tobias Daemgen, derzeitiger bangaloREsident@Jaaga und die Natya & STEM Dance Kampni
Der Künstler Tobias Daemgen, derzeitiger bangaloREsident@Jaaga und die Natya & STEM Dance Kampni | Foto: Sarah Klare

Backofenhitze, Beschleunigung, Zeichentransfer: Beobachtungen zum Alltag des internationalen Kulturaustauschs während der Künstlerresidenz des Goethe-Instituts in Bangalore.

Von Ingo Arend

Saskia Groneberg Saskia Groneberg | © Saskia Groneberg Der Schlüssel passt nicht. Schrecksekunde kurz vor Mitternacht. Einen Moment schaut Saskia Groneberg verzweifelt: „Sind wir etwa im falschen Haus?“ Wir stehen in einer schummrig beleuchteten Sackgasse im Bangalorer Stadtteil Richmond Town: Dschungelhafte Vegetation ringsherum, gefühlte Temperatur: 40 Grad. Die Wohnungstür klemmt. Saskias „Host“ ist nicht da. Die Aussicht, ihr Stipendium auf der Straße antreten zu müssen, begeistert die Münchener Künstlerin nicht wirklich. Schließlich, der Taxi-Fahrer zieht kräftig, klappt es.

Türöffner – der erleichternde Moment beschreibt ganz gut, was das Residenz-Programm des Goethe-Instituts in Indiens drittgrößter Stadt ausmacht. Denn das Apartment, in dem die 31-Jährige die nächsten zwei Monate wohnen wird, gehört Naresh Narasimhan.

Der bekannte Architekt ist einer der wichtigsten Stadtplaner in Bangalore. Und wenn jemand etwas über Lalbagh, den Botanischen Garten der Stadt, weiß, der Groneberg hierher gelockt hat, dann der leidenschaftliche Cineast und Kunstfreund, der das VW-Werk in Pune geplant hat und eine riesige Sammlung von Stadtplänen besitzt.

Ein Netz aus 25 Gastgebern

Zwei Mal zwölf Künstler lädt das Goethe-Institut jedes Jahr in die Hauptstadt des südindischen Bundestaats Karnataka ein. Und das „Host-Prinzip“ garantiert, dass sie nicht, wie bei so vielen Residencies, im Elfenbeinturm bleiben, sondern unter die Leute, in die Szene kommen.

Die Teilnehmer des Residenzprogramms in Bangalore Die Teilnehmer des Residenzprogramms in Bangalore | Foto: Sarah Klare „Wir machen hier keine Schlüsselresidenzen, wo die Leute einen Apartmentschlüssel in die Hand gedrückt bekommen und ein paar Monate später hauen sie ab, ohne dass jemand etwas von ihnen mitbekommen hat“, sagt Instituts-Chef Christoph Bertrams, der das Programm 2011 entwickelt hat.

Ein Netz von 25 „Hosts“ hat der agile 60-jährige, der in Kuba das Goethe-Institut und in Berlin das Goethe-Forum leitete, in Bangalore gewoben. Vom Stadtforscher bis zur Tänzerin hat er für jeden „Resident“ einen Ansprechpartner parat. Saskia wird also keine Zeit mit Networking verschwenden müssen.

Mit Nareshs Hilfe und der seines Architektenbüros Venkataramanan Associates kann sie direkt damit loslegen, den Mythos von Bangalore als „Gartenstadt“ kritisch zu durchleuchten. „Auffällig viele Musliminnen hier“, bemerkt sie beim ersten Spaziergang in dem leicht verwahrlosten Lalbagh-Park, den Sultan Haider Ali 1760 in der Stadt anlegen ließ.

Am Abend erklärt ihr Suresk Jayaram, dass sich die Frauen der Religionsgemeinschaft, zu der sich gerade mal 14 Prozent der Bangalorer zählen, dort „sicher fühlen“. Der Künstler und Kurator hat das Visual Art Collectiv der Stadt mitbegründet.

Atelierhaus an der Shanti-Road Atelierhaus an der Shanti-Road | Foto: Ingo Arend Zur Begrüßung der neuen Stipendiaten hat er im verwinkelten Atelierhaus an der Shanti-Road ein kleines Buffet aufgebaut. Stolz verweist er darauf, dass in dieser „cosmopolitain community“ Künstler aus Indien gemeinsam mit solchen aus dem tödlich verfeindeten Pakistan ausstellen.

Bangalore, gut 1.700 Kilometer südlich von Delhi auf dem Dekkan-Plateau gelegen, ist vielleicht nicht der Hotspot der Goethe-Künstlerresidenzen. Aus Künstlersicht hat die Stadt aber Vorteile. Hier muss sich niemand an einem Mythos abarbeiten, wie in Mumbai oder Kolkata.

In den letzten 15 Jahren ist die einstige Provinzstadt zu einer Megalopole angeschwollen, in der alle Widersprüche von Industrialisierung und Globalisierung zusammenschießen. Ihr Wucherwachstum verdankt das „Silicon Valley Indiens“ der Raumfahrt-, der Computertechnologie und dem IT-Boom.

Der Zustrom kreativer, prekärer Arbeitskräfte hat die Stadt ohne natürliche Standortvorteile – einen Berg, Fluss oder eine Handelsroute – an den Rand des Kollapses geführt. Bangalore hat die höchste Motorraddichte und die höchste Suizidrate in Indien. Erst seit fünf Jahren existiert eine kleine Metro.

Dieser unwirtliche Moloch aus Müll, Armut und maroder Infrastruktur ist freilich das ideale Feld für Kreative jeden Genres: „Hier gibt es keine positive Mobilität“ befindet Bettina Lockemann, Dokumentarfotografin und promovierte Kunstwissenschaftlerin aus Köln, als wir uns mühsam den Weg entlang der 100-Feet-Road bahnen.

Bettler, Straßenhändler und Kühe versperren den Bürgersteig, Greisinnen in grellbunten Saris türmen mit bloßen Händen stinkenden Müll an die Bäume, eine Frau balanciert Brennholz auf dem Kopf, jeden Moment streift den Fußgänger eine der blechernen, gelb-grünen Rikschas, ohne die hier niemand durch das Verkehrschaos kommt.

Die Suche nach Interkulturalität

„Irgendetwas mit Video wird es wohl werden“ erahnt Bettina Lockemann ihr Projekt vage, als wir bei einem Obsthändler eine aufgeschlagene Kokosnuss ausschaben. Aber das wird sie noch mit ihren neuen Kollegen im IIHS, dem Indian Institute for Human Settlement, diskutieren.

Das Künstlerduo bösediva Das Künstlerduo bösediva | © bösediva Wie genau ihre „performative Installation“ aussehen wird, mit der sie eine ihrer Inszenierungen indisch adaptieren wollen, wissen auch Robin Detje und Elisa Duca vom Berliner Theaterduo „bösediva“ noch nicht. Aber für die Verwandlung von Holz zu Fleisch und Zucker zu Glück dürften sie im Indien des wesenden Mülls und der Reikarnationslehren vermutlich Referenzen finden.

„Wenn man den Code der Göttin Kali dafür entschlüsseln könnte, ohne ihn mit westlichem Blick auszubeuten, könnte es spannend werden“ umschreibt das Duo beim abendlichen Gespräch auf dem Balkon des Atelierhauses das Warten auf den Knackpunkt vermutlich jeder Residenz – den Moment einer wechselseitigen Befruchtung der Kulturen.

Die vielarmige Göttin symbolisiert Erneuerung und Zerstörung. Auf dem Trümmergrundstück nebenan spielen Kinder um einen brennenden Scheiterhaufen, auf dem Abfall verbrannt wird.

Botanischer Garten Lalbagh Botanischer Garten Lalbagh | Foto: Ingo Arend Das Programm in Bangalore ist kein Statussymbol wie ein Aufenthalt in der Villa Massimo in Rom, es bedeutet weder Geld noch Prestige, sondern demonstriert den unspektakulären, aber spannenden Alltag der Suche nach Interkulturalität – jenseits der Sonntagsreden von Außenministern und Kulturattachées.

Die nächste Künstlerresidenz in Bangalore startet im November 2016.

Ingo Arend ist Kunstredakteur der taz mit den Schwerpunkten Kunst und Geschichte, Kunst und Politik sowie der Kulturgeschichte der Türkei.


Der Artikel erschien zuerst in der TAZ (22.04.2016). © Alle Rechte vorbehalten. taz Verlags u. Vertriebs GmbH. Berlin