Comicsalon Erlangen „Ein Land, in dem es alles gibt“

Die Zeichnerinnen in Nitryagram
Die Zeichnerinnen in Nitryagram | © Chiranth Wodeyar

Selbstbestimmtheit und Gleichberechtigung – was bedeutet das für Frauen in Indien, was in Deutschland? Acht deutsche und acht indische Zeichnerinnen trafen mit Unterstützung des Goethe-Instituts in der indischen Tanzschule Nrityagram zusammen und suchten nach Antworten. Sie kamen zu überraschenden Ergebnissen. Diese sind nun in der 13. Ausgabe des Magazins SPRING veröffentlicht und auf dem Comicsalon Erlangen zu sehen. Larissa Bertonasco über den künstlerischen Austausch.

Frau Bertonasco, wie kam es zu der Reise nach Indien?

Vor zwei Jahren habe ich mit meiner Kollegin Ludmilla Bartscht und der indischen Zeichnerin Priya Kuriyan einen Comic-Workshop am Goethe-Institut Neu Delhi geleitet. Die interkulturelle Zusammenarbeit war unglaublich inspirierend und hat mich nicht mehr losgelassen.

Eine Woche instensive Zusammenarbeit führte zu einer gemeinsamen Publikation der Zeichnerinnen. Eine Woche instensive Zusammenarbeit führte zu einer gemeinsamen Publikation der Zeichnerinnen. | Foto: Larissa Bertonasco Allerdings wollte ich kein Lehrer-Schüler-Verhältnis mehr, sondern einen Dialog auf Augenhöhe, mit professionellen Zeichnerinnen. So ist die Idee zu einer gemeinsamen Publikation mit indischen Künstlerinnen geboren worden, die im Februar 2016 bei dem Aufenthalt unseres Künstlerinnen-Kollektivs SPRING in Nrityagram Gestalt annahm. Auch Priya war wieder mit dabei, dazu noch zwei andere indische Zeichnerinnen aus dem früheren Workshop und fünf weitere, die wir noch nicht kannten.

Wie war die Zusammenarbeit?

Die Atmosphäre in unserer Residenz, einer Tanzschule für klassischen indischen Tanz, hat uns wirklich beeindruckt. Es gab viele Rückzugsmöglichkeiten, Ruhe zum Zeichnen, gleichzeitig aber immer den Kontakt untereinander. Wir Deutschen waren von allem überwältigt und haben oft Ausflüge in den nächstgelegenen Ort gemacht. Da gab es so viel Neues zu entdecken, so viele Eindrücke – das lässt sich gar nicht in Worte fassen.

Die Landschaft in der Umgebung der Künstlerresidenz war überwältigend. Die Landschaft in der Umgebung der Künstlerresidenz war überwältigend. | Foto: Larissa Bertonasco Am Anfang waren wir uns ein bisschen unsicher, welche Themen wir mit den indischen Künstlerinnen anschneiden können – gerade die von uns, die zum ersten Mal in Indien waren. Geht es zum Beispiel einfach so, Sexualität zu thematisieren?

In der zehntägigen intensiven Zusammenarbeit haben wir aber gemerkt, dass wir sehr offen über alles reden können. Wenn man eine gemeinsame Basis hat – Musikern geht es da sicher nicht anders – spricht man sofort dieselbe Sprache, jenseits aller mündlichen Verständigung. Wir haben eine große Nähe gespürt, hatten uns unglaublich viel zu sagen und zu zeigen.

Was denn zum Beispiel?

Was die künstlerische Arbeit anging, wollten wir zum Beispiel vermitteln, dass es in der Entwicklung von Geschichten Momente gibt, in denen es sehr hilfreich für Künstler ist, sich untereinander auszutauschen. Das machen wir in unserem Kollektiv seit Jahren. Man kann sich gegenseitig Tipps geben oder gezielt Fragen stellen, die den anderen weiterbringen.

Der intensive Austausch hilft, die eigene Geschichte weiterzuentwickeln. Der intensive Austausch hilft, die eigene Geschichte weiterzuentwickeln. | Foto: Larissa Bertonasco Durch unsere zahlreichen Gespräche hatten besonders wir Deutschen außerdem die Möglichkeit, das Land in seiner Vielfalt besser zu verstehen und kennenzulernen – auch, wenn das manchmal nur hieß, zu verstehen, dass man ganz viel nicht verstehen kann. Je tiefer man in eine Kultur eintaucht, desto mehr erfährt man, dass die Bilder im eigenen Kopf zwar Teil eines Landes sind, aber eben nur ein sehr kleiner. Natürlich sind wir uns bewusst, dass wir bei diesem Treffen nur einen weiteren kleinen Ausschnitt kennengelernt haben! Einen, der durch den Blick von Künstlerinnen geprägt ist.

Was ist das für ein Blick? Hat er sich stark von Ihrem eigenen unterschieden?

Das war das Spannende! Inhaltlich haben die Geschichten, die wir entwickelten, gezeigt, dass wir uns als Frauen mit unseren Wünschen und Sehnsüchten sehr ähnlich sind. Wir wünschen uns Freiheit, Selbstbestimmung und Gleichberechtigung. Mit Rollenzwängen haben wir alle zu kämpfen – wenn auch durch die unterschiedlichen kulturellen Voraussetzungen geprägt.

Viele der Geschichten, die in Nitryagram entstanden sind, sind biografische Geschichten – gerade das Individuelle und Persönliche war für uns alle sehr wichtig. Denn unabhängig von seinem Kulturkreis ist jeder von uns durch seine eigene Geschichte und das Umfeld, in dem er aufgewachsen ist, beeinflusst.

Die Erzählungen sind sehr persönlich geworden. Die Erzählungen sind sehr persönlich geworden. | Foto: Larissa Bertonasco Was konnten Sie mit nach Hause nehmen?

Natürlich leben wir in Deutschland vergleichsweise selbstbestimmt und haben viele Möglichkeiten, aber auch in Indien ändert sich die Stellung der Frau innerhalb der Gesellschaft. Das ist auch durch den wirtschaftlichen Wandel geprägt. Sozialbeziehungen ändern sich, die Liebesheirat wird zum Thema und Frauen machen beruflich Karriere. Die indischen Kolleginnen haben uns erzählt, dass es mittlerweile durchaus Diskussionen zu Geschlechterfragen oder zur Gewalt gegen Frauen gibt. Diese werden gerade von jungen Frauen angestoßen.

Allerdings gilt das bei weitem nicht überall in der Gesellschaft. Sexuelle und häusliche Gewalt, Vergewaltigung oder die Ungleichheit zwischen den Kasten sind natürlich immer noch riesige gesellschaftliche Probleme.

Uns ist klar geworden: Wir waren in einem sehr vielfältigen Land voller Widersprüche, in dem es einfach alles gibt – auch wahnsinnig moderne Frauen, die ein unkonventionelles Leben führen. Die indischen Künstlerinnen haben sich sehr bewusst und reflektiert für ein solches entschieden.

Die Fragen stellte Katrin Baumer.