Myanmar „Bildung hat oberste Priorität“

Ausstellungen, Lesungen, Konzerte - das Kulturprogramm des Goethe-Instituts in Yangon stößt auf großes Interesse.
Ausstellungen, Lesungen, Konzerte - das Kulturprogramm des Goethe-Instituts in Yangon stößt auf großes Interesse. | Foto: Goethe-Institut Myanmar

50 Jahre lang war das Goethe-Institut Myanmar geschlossen, vor zwei Jahren wurde die Wiedereröffnung gefeiert. Das 1959 gegründete Institut musste nach dem Putsch General Ne Wins nach nur drei Jahren seine Arbeit einstellen. Die politischen Reformen seit 2011 machten den Weg zur Neugründung frei. Institutsleiter Franz Xaver Augustin über den Austausch mit burmesischen Künstlern, die Rolle der Medien und die Folgen des Wahlsiegs der Oppositionspartei NLD.

Herr Augustin, wenn Sie zurückblicken – welche Momente haben Ihre Zeit in Myanmar am meisten geprägt?

Franz Xaver Augustin Franz Xaver Augustin | Foto: May Co Naing Lange hat uns die fehlende Unterschrift unter dem Mietvertrag für das künftige Gebäude des Instituts manch schlecht geschlafene Nacht bereitet. Bisher sind unser Büro und die Unterrichtsräume noch provisorisch im Institut Français untergebracht. Doch alles schaut schon jetzt auf die 100 Jahre alte Villa nahe der großen Pagode, wo wir in Zukunft arbeiten werden. Auch im unrenovierten Zustand ist dies ein famoser Ort für Programme aller Art, von mittlerweile legendären „Berliner Clubnächten“ bis zu zahlreichen Ausstellungen, hauptsächlich von Künstlern aus Myanmar und Südostasien.

Die wohl bedeutendste Ausstellung war Htein Lins Storyteller. Der Künstler war – wie so viele andere politische Aktivisten – über Jahre eingesperrt. Mit seinen Werken setzt er allen Mitgefangenen ein Denkmal und verarbeitet deren Erfahrungen in den Kerkern des Regimes. Viele Arbeiten entstanden bereits in der Gefangenschaft. Htein Lin malte auf Stoff von Häftlingskleidung, mit Farben, die gnädige Wärter passieren ließen. Als Werkzeug benutzte er seine Finger, kleine Äste, Injektionsnadeln, Feuerzeuge, Glasscherben. The Storyteller dürfte eines der bedeutendsten Kunstereignisse im Yangon der letzten Jahre gewesen sein. Tausende von Besuchern kamen, waren berührt von den eindrücklichen Arbeiten und tauschten sich in abendelangen Diskussionen über das Gesehene aus.

The Storyteller The Storyteller | © Goethe-Institut e.V./Myanmar
Eine sehr politische Ausstellung also … Gab es keine Probleme bei der Organisation?

Ich war lange in Vietnam und Indonesien tätig. Im Vergleich zu dort erlebe ich in Myanmar eine überraschende Freizügigkeit, was die Arbeit des Goethe-Instituts angeht. Ich hatte nie den Eindruck, dass wir kritisch beobachtet oder gar zensiert werden. Kunst in einem Land, das sich so radikal verändert, muss politisch sein. Sowohl die Fragen der Zukunft als auch die der Vergangenheit drängen sich auf und wollen zum Ausdruck gebracht werden.

Dass im Hintergrund immer noch die alten Kräfte im Militär viele Fäden in der Hand halten, steht außer Zweifel. Doch sind die Medien weitgehend frei und erstaunlich vielfältig. Das größere Problem ist heute, dass es gar nicht genügend erfahrene Journalisten und Journalistinnen gibt, die die neuen Freiräume zu nutzen wissen.

Hängen diese Freiräume mit den Wahlen von 2015 zusammen?

Die Goethe-Villa in Myanmar Die Goethe-Villa in Myanmar | © Goethe-Institut e.V./Myanmar Der eigentliche Neubeginn fand tatsächlich schon 2011 statt. Die damals eingeleiteten Reformen kamen von oben und von innen: Die Freilassung der meisten politischen Gefangenen, die neuen politischen und wirtschaftlichen Freiheiten und die Öffnung in die Weltpolitik. Die Menschen reagierten auf die plötzliche wirtschaftliche Dynamik mit Zuversicht und Optimismus, und die tatsächlich erstmals freien Wahlen von 2015 wurden als konsequente Fortsetzung des seit 2011 eingeschlagenen Kurses wahrgenommen.

Es wird investiert, gebaut, renoviert. In jedem Fall sieht sich die neue Regierung vor einem gewaltigen Berg an Herausforderungen: Die größte davon dürfte die Beendigung der Kämpfe in den Minderheitengebieten sein, außerdem ein neues Steuersystem um die so dringend nötigen öffentlichen Investitionen in das Gesundheitswesen und die über Jahrzehnte vernachlässigte Bildung möglich zu machen.

Welche Rolle kommt in dieser Situation dem Goethe-Institut in Yangon zu?

Die kulturelle Infrastruktur der Stadt ist recht dürftig. Um Konzerte oder Filmfestivals zu veranstalten, muss man teure Säle mieten. Gerade vor diesem Hintergrund ist es so wichtig, dass wir bald unser eigenes Haus mit Veranstaltungsraum haben, dazu hochwertige Technik und Ausstattung.

Dass Bildung im weitesten Sinn oberste Priorität in unserer Arbeit zukommt, liegt auf der Hand. Ganz wesentlich sind die Informationen und die Hilfestellungen für junge Menschen im Hinblick auf ein Studium oder eine nichtakademische Ausbildung in Deutschland. Es lässt sich absehen, dass das deutsche Angebot sehr schnell auf großes Interesse stoßen wird.

Neben dem anfangs angesprochenen Austausch zwischen Bildenden Künstlern aus Myanmar und Europa ist dieser Fokus auf mediale Bildungsangebote sicher das lohnendste Feld.

Wie sehen diese Angebote konkret aus?

Die Ausbildung junger Musiker ist einer der Schwerpunkte des Goethe-Instituts Myanmar. Die Ausbildung junger Musiker ist einer der Schwerpunkte des Goethe-Instituts Myanmar. | © Goethe-Institut e.V./Myanmar Von Anfang an haben wir die Ausbildung von Dokumentarfilmern und Musikern aller Stilrichtungen unterstützt. Der dritte große Akzent liegt auf dem Aspekt „Zugang zum Wissen“. Sehr bewährt hat sich die Produktion des TV-Wissensmagazins „I got it“ für Kinder, einer Art „Sendung mit der Maus“ auf Burmesisch, bei der Experten von ZDF und WDR den größten lokalen Sender beraten und mit jungen Redakteuren die Inhalte entwickeln.

Auf dieser Spur liegt auch das neueste Projekt eines multimedialen Magazins für junge Leute ab 15 Jahren: YOPE (YOung PEople). Es dreht sich um Kultur, Lifestyle und Politik – die erste probeweise über Facebook verbreitete Folge erreichte auf Anhieb fast eine halbe Million Menschen.

Um welches Thema ging es?

Es war eine Reportage und Umfrage unter jungen Frauen zum Thema Belästigung in öffentlichen Verkehrsmitteln. Solche Fragen werden sonst nirgends in der Öffentlichkeit diskutiert. Gerade deshalb ist das Thema für junge Menschen so brisant.

Sie erwähnten vorher das mangelnde Bildungssystem, die Unerfahrenheit von Journalisten – wie kann denn ein so großes multimediales Projekt unter diesen Umständen gestemmt werden?

Ich bewundere die Energie und die Geduld des internationalen Teams. Alles – vom Skript über die Aufnahmen bis zum Schnitt und zur Moderation – wird von Grund auf Schritt für Schritt mit den jungen burmesischen Journalistinnen und Journalisten erarbeitet und immer wieder durchgesprochen. Die ersten Sendungen sind jetzt fertig. Am 1. Juli ist die erste Folge im Fernsehen und online gesendet worden.

YOPE YOPE | © Goethe Institut e.V./Myanmar Das eingehende Coaching durch die Trainer wird sicher noch für die künftigen Sendungen nötig sein. Denn die anfangs wöchentliche Sendung soll langsam auf eine tägliche Frequenz gesteigert werden. Vieles hängt nun ab vom Erfolg der ersten Folgen von YOPE und dem Zuspruch der Sponsoren. Auch wenn der Ausbildungsstand der jungen Journalisten im Moment eher bescheiden ist, habe ich in Südostasien nirgendwo sonst eine so ernsthafte Lernbereitschaft und Offenheit für alles Neue unter jungen Menschen erlebt wie hier.

Interessieren sich die jungen Menschen in Myanmar für die deutsche Kultur? Was wissen sie über Deutschland?

Der Kenntnisstand tendiert bei den meisten gegen Null; außer den klassischen Klischées über unser Land, zu denen leider auch der Kerl mit dem Chaplin-Bärtchen gehört, darf man nicht viel voraussetzen. Doch gilt das gerade Gesagte auch hier: Gut präsentiert, stoßen Informationen über Deutschland und Europa auf breites Interesse: Film, Musik, Tanz – was immer wir anbieten, die vollen Häuser sind gewiss, und dazu noch aufmerksame Medien, die nicht verwöhnt sind von vielen kulturellen Ereignissen.


Die Fragen stellte Katrin Baumer