Aghan Odero im Interview „Kultur ist eine wichtige menschliche Ressource“

„Man läuft ständig Gefahr, dass man sich verzettelt“: Aghan Odero ist Künstler und Manager in einem
„Man läuft ständig Gefahr, dass man sich verzettelt“: Aghan Odero ist Künstler und Manager in einem | Foto: Dominik Baur

Lässt sich Kunst managen? 15 Kulturmanager aus aller Welt sind der Einladung des Goethe-Instituts und des Kulturreferats München gefolgt und haben in Bayerns Hauptstadt darüber debattiert, Projekte angeschoben und sich vernetzt. Aghan Odero aus Nairobi war einer von ihnen.

Nein, München zeigte sich nicht von seiner besten Seite. Nun tut es das selten im November, und da ist es also auch wenig verwunderlich, dass Aghan Odero bemerkte: „Es ist kalt hier.“ Und präzisierte: „Es ist sehr kalt hier.“ Umso beruhigender, dass der Kenianer seinen zweiwöchigen Aufenthalt in München dennoch in außerordentlich guter Erinnerung behalten wird.

Odero ist einer der Teilnehmer des Internationalen Forums zu Kulturmanagement und Kulturpolitik, das das Goethe-Institut und das Münchner Kulturreferat nun schon zum zweiten Mal veranstaltet haben. Was haben Kulturmanager aus Manila, Kiew und New York gemeinsam? Welche Fragen, welche Projekte beschäftigen sie? Werden die Unterschiede vor allem durch die sehr verschiedenen Rahmenbedingungen vorgegeben oder liegen sie tiefer? Und wo kann sich folglich eine Basis für eine internationale Zusammenarbeit ergeben? Mit solcherlei Fragen haben sich zwei Wochen lang 15 Kulturmanager aus der ganzen Welt in München beschäftigt.

Bei dem Forum konnten sich die Teilnehmer nicht nur über diese Themen austauschen, sondern zudem einen Einblick in diverse Münchner Kultureinrichtungen erlangen und ihr internationales Netzwerk vergrößern. Auf dem Programm standen Besuche bei Münchner Kultureinrichtungen wie dem Pathos Theater oder den Veranstaltern des Dokumentarfilmfestivals Dok.fest ebenso wie eine Vorlesung von Matthias Lilienthal, dem Intendanten der Münchner Kammerspiele.

Aghan Odero ist ein angesagter Storyteller und Theatermacher aus Kenia. Vor einigen Jahren hat er das unabhängige Kulturzentrum Zamaleo ACT gegründet, dessen Direktor er auch ist. Einmal im Jahr veranstaltet die Organisation ein internationales Storytelling-Festival. Bis vor kurzem war Odero darüber hinaus Direktor des Kenya Cultural Centre, zu dem auch das renommierte Kenya National Theatre gehört. Wir haben ihn am Ende des Kulturmanagerforums nach seinen Erfahrungen gefragt.

Herr Odero, Kultur und Management – schließt sich das nicht eigentlich aus?

Sicher, das könnte man vermuten, aber nein, so ist es nicht. Schließlich ist Kultur eine wichtige menschliche Ressource, mit der man sehr bewusst umgehen muss. Deshalb ist Management unbedingt notwendig, damit Kultur in unserem Leben auch funktionieren kann. Letztendlich geht es um dasselbe wie bei anderen Verbraucherprodukten: Man muss die Bedürfnisse der Kunden identifizieren, den Markt beobachten und sehen, wie man die Kunden erreicht.

Was sind die besonderen Herausforderungen, denen man sich als Kulturmanager in Afrika stellen muss?

Die größte Herausforderung ist es, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Kultur etwas ist, in das man investieren muss. Das ist immer noch ein Kampf. Bei uns denken noch immer sehr viele, dass Kultur etwas Gegebenes ist, dass sie einfach da ist und man nichts dafür zu tun braucht. Sie sehen nicht die Notwendigkeit, in Kultur zu investieren, ja, sich Kultur zu kaufen. Auch bei öffentlichen Stellen müssen wir noch viel Überzeugungsarbeit leisten. Kultur ist etwas Essentielles für unsere Gesellschaft – genauso wie beispielsweise medizinische Versorgung oder das öffentliche Transportwesen. Deshalb ist es natürlich enorm wichtig, dass eine Infrastruktur aufgebaut wird. Dazu gehören entsprechende Bildungsangebote, auf die alle kulturellen Akteure zurückgreifen können. Aber auch Galerien, Konzerthallen, Theatergebäude ... Diese Strukturen sind in Afrika noch kaum entwickelt.

Als Kulturmanager können Sie sich also gar nicht komplett auf Ihre eigene Einrichtung konzentrieren, sondern müssen mit Kollegen von anderen Institutionen für die Infrastruktur kämpfen, von der dann alle profitieren?

Genau. Man muss ständig alles gleichzeitig machen – und dabei aufpassen, dass man seine eigene Organisation nicht aus dem Fokus verliert. Das braucht viel Zeit, und man läuft ständig Gefahr, dass man sich verzettelt. Aber Kooperationen sind dabei sehr wichtig. Deshalb bin ich ja auch hier.

Wie sind Sie denn auf das Kulturmanagerforum in München gestoßen?

Ich mache viel Onlinerecherche zu diesem Thema. Und auf diese Weise bin ich glücklicherweise über diese Ausschreibung gestolpert. Das war genau zwei Tage vor Ende der Bewerbungsfrist. Ich habe gemerkt, dass es bei diesem Forum genau um die Themen geht, die mich so beschäftigen. Ich habe die Bewerbung dann buchstäblich in der letzten Minute abgeschickt. Und ich hatte noch mal Glück: Ich wurde genommen.



Und jetzt sitzen Sie hier und frieren.

Kleine Herausforderungen wie das nasskalte deutsche Novemberwetter nehme ich gerne an. Davon lass ich mir die Laune nicht verderben. Außerdem wurde ich von den Mitarbeitern des Goethe-Instituts Nairobi schon mental darauf eingestellt, was mich hier erwarten würde. Nein, im Ernst: Ich habe mich auf dieses Forum gefreut, seit ich die Zusage bekommen habe. Das war einer der größten Glücksfälle meines Lebens.

Was gefällt Ihnen denn besonders gut an dem Programm?

Natürlich ist es wunderbar, diese Kollegen aus 14 anderen Ländern zu treffen und mit ihnen Erfahrungen auszutauschen, festzustellen, dass jemand, der am anderen Ende der Welt lebt, vielleicht doch mit denselben Problemen kämpft wie ich. Für mich war auch das persönliche Coaching definitiv ein Höhepunkt des Programms. Da konnte jeder von uns seine ganz konkreten individuellen Probleme besprechen. Ich hatte eine großartige und sehr erfahrene Tutorin. Die Gespräche mit ihr haben mir sehr geholfen. Sie hat mir ermöglicht, mit einem neuen Blick auf meine eigene Arbeit zu schauen, und mir wichtige Gedankenanstöße gegeben.

Schlägt sich die Erfahrung dieses Forums auch in ganz konkreten Projekten nieder?

Unbedingt. Jeder von uns hat ein individuelles Projekt. Bei mir ist es die Weiterentwicklung des internationalen Storytelling-Festivals, das ich einmal im Jahr organisiere. Ich will das Ganze auf ein stärkeres Fundament stellen. Dazu gehören zum einen der Aufbau engerer internationaler Partnerschaften und gleichzeitig der Versuch, daheim ein größeres Publikum zu erreichen. Da stellt sich vor allem die Frage, wie können wir die Menschen außerhalb der Hauptstadt Nairobi erreichen? Ich stelle mir vor, dass wir das Festival durch zwei, drei Satelliten im restlichen Land ergänzen, wo dann auch Veranstaltungen stattfinden. Das halte ich für sehr wichtig, da sich die Menschen auf dem Land bei uns ohnehin schon vernachlässigt fühlen und gerade Storytelling ein Format ist, das dort auf großes Interesse stoßen könnte. Wie kann man das alles organisieren und unter einen Hut bringen? Die Ideen dazu haben wir jetzt in der Gruppe gemeinsam weiterentwickelt. Und wenn ich jetzt wieder nach Hause fahre, werde ich dort versuchen, sie umzusetzen.

Kulturmanager Odero: „Ich konnte mit einem neuen Blick auf meine Arbeit schauen“ Kulturmanager Odero: „Ich konnte mit einem neuen Blick auf meine Arbeit schauen“ | Foto: Dominik Baur Sie haben Ihr Netzwerk jetzt auf einen Schlag um 14 Kollegen in 14 Ländern erweitert. Erwarten Sie sich davon auch unmittelbare berufliche Vorteile?

Auf jeden Fall. Es soll ja nicht bei diesen zwei Wochen bleiben. Eines unserer Ziele ist es, eine dauerhafte Plattform zu etablieren, auf der wir uns austauschen und gegenseitig unterstützen können. Das wird zum Beispiel über eine Facebook-Gruppe geschehen. Wir müssen Wege finden, dieses Netzwerk am Laufen zu halten. Denn wenn ich schon jemanden in London oder in Kiew kenne, und ich will dort mit jemandem zusammenarbeiten, dann habe ich schon eine Brücke dorthin. Dann bekomme ich von meinen dortigen Kollegen vielleicht eine konkrete Kontaktempfehlung oder sie sagen mir, wie ich am praktischsten vorgehe, was ich zu beachten habe. Die kennen sich vor Ort schließlich am besten aus.

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