Top Secret International – Staat 1 In der Welt der Nachrichtendienste

Die Glyptothek wird zum Geheimdienstgebäude
Die Glyptothek wird zum Geheimdienstgebäude | © Rimini Protokoll / Benno Tobler

Freiheit oder Sicherheit? In ihrer interaktiven Performance „Top Secret International - Staat 1“ fragen die Münchner Kammerspiele und das Künstlerteam Rimini Protokoll in Koproduktion mit dem Goethe-Institut, wieviel staatliche Überwachung die Demokratie verträgt.

Bereits der römische Kaiser Marc Aurel beschäftigte sich in seinem philosophischen Werk Eigenbetrachtungen mit der Frage, was der Staat darf und was nicht. Heute ist diese Frage angesichts von Abhör-Skandalen und dem Abschöpfen von Datensätzen der Bürger durch die Geheimdienste wieder hochbrisant.

Top Secret International (Staat 1), 2016 Top Secret International (Staat 1), 2016 | © BND / Martin Lukas Kim Im ersten Teil von Top Secret International – Staat 1 bis 4 schickt das Autoren-Regie-Team Rimini Protokoll die Zuschauer auf eine Reise durch die Welt der Nachrichtendienste in den Hallen der Münchner Glyptothek. Die Produktion in Zusammenarbeit mit dem Haus der Kulturen und dem Goethe-Institut verbindet die steinernen antiken Figuren mit Informationen aus der Schattenwelt der Geheimdienste und staatlichen Nachrichtenbeschaffer. Über Kopfhörer hört das Publikum Texte und Zitate – so wird das Museum am Königsplatz für anderthalb Stunden zum fiktiven Geheimdienstgebäude.

Spiel mit der Identität

Die Performance macht Zuschauer zu Handelnden, die anders als im klassischen Sprechtheater mitentscheiden, wie das Stück abläuft. Sie wählen die Sequenzen aus, die sie hören wollen und werden Teil eines Spiels. Als Geheimdienstmitarbeiter sollen sie zum einen andere rekrutieren. Zum anderen erfährt man, wie die Dienste ihre Informationen beschaffen und wie sie damit prinzipiell jeden, selbst mächtige politische Entscheidungsträger, erpressen können.

Bezoekers worden geheim agent Bezoekers worden geheim agent | © Rimini Protokoll / Benno Tobler Die Zuschauer werden zu Mitgliedern einer geheimen Militäroperation im zerfallenden Libyen, die verhindern soll, dass Waffen in die Hände von Terroristen gelangen. Dabei erhalten sie Informationen über den Umgang mit einheimischen Zuträgern und die Versäumnisse westlicher Politik in Nordafrika und dem Nahen Osten. Sie treffen Geheimdienstchefs, Sicherheitsberater, Diplomaten, Whistleblower und Journalisten, während sie immer wieder ihre Identität wechseln und aufgefordert werden, unauffällig die anderen Zuschauer im Raum zu beschatten.

Denn die eingespielten Audio-Texte konfrontieren sie mit Handlungsweisen von Nachrichtendiensten in Zeiten erhöhter Terrorgefahr, die auf der Annahme basieren, jeder Bürger stelle eine mögliche Gefahr dar und sei daher intensiv zu beobachten.

Die Zuschauer der Performance werden gezielt in die Irre geführt und in ihrer Wahrnehmung verunsichert: Wer sind die anderen Menschen im Raum? Steckt hinter ihrer normalen Erscheinung eine ganz andere, verdächtige Identität?

Top Secret International (Staat 1), 2016 Top Secret International (Staat 1), 2016 | © BND / Martin Lukas Kim Für Nachrichtendienste ist staatliche Überwachung ein Mittel zur Abwehr von Gefahren. Doch das führt zu ethischen Fragen, mit denen die Zuschauer in Staat 1 direkt konfrontiert werden: „Würdest du Gewalt anwenden, um den Code für eine Bombe zu entschärfen?“ oder „Würdest du Geld für wichtige Informationen bezahlen?“

Geist versus Macht

Die antiken Skulpturen in der Glyptothek und die technischen Möglichkeiten des digitalen Zeitalters erzeugen eine intensive Spannung. Die Figuren in ihrer zeitlosen Schönheit rücken die Fragen von heute in eine historische Perspektive. Freiheit oder Sicherheit: Welcher Wert zählt im Zweifel mehr? Was bedeutet das Streben nach möglichst umfassender Sicherheit für die bürgerlichen Freiheitsrechte?

Bereits Denker wie Platon setzten sich mit Themen wie Übergriffen, Willkür und Machtmissbrauch auseinander und übermittelten zeitlos gültige und von staatlicher Macht unabhängige Ideen, von denen Europa bis heute profitiert.

Staat 1 ontvoert de bezoekers naar de wereld van de dataverslindende staatsdiensten. Staat 1 ontvoert de bezoekers naar de wereld van de dataverslindende staatsdiensten. | © Rimini Protokoll / Benno Tobler

Der Staat surft mit

Heute ist es die Gefahr des internationalen Terrorismus, welche die staatliche Durchdringung sämtlicher Lebensbereiche als unvermeidlich rechtfertigen soll. Die globale Überwachung von E-Mail-Verkehr und sozialen Netzwerken ist längst Alltag. Wird Privatsphäre zu einem anachronistischen Begriff, den man irgendwann aus dem Repertoire der Sprache streichen kann?

Am Ende der Performance Top Secret International – Staat 1 steht eine Aussage von Edward Snowden: Wer denkt, auch ohne Privatsphäre leben zu können, verhält sich wie jemand, der sagt, man könne auf Meinungsfreiheit verzichten, nur weil er gerade nichts zu sagen hat. Ein nachdenkliches Schlusswort für eine Tour durch die „schöne“ neue Welt der staatlichen Datenkraken.

Von Claudia Mende