Ausstellung Leonore Mau Flucht in die Welt

Carnaval em favela de Salvador
Carnaval em favela de Salvador | © Nachlass Leonore Mau. S. Fischer Stiftung

Ein Vierteljahrhundert lang bereiste das Künstlerpaar Hubert Fichte und Leonore Mau Südamerika, Afrika und Europa und setzte sich dabei mit den produktionsästhetischen Gegebenheiten von Literatur und Fotografie auseinander. Unter dem Titel Das Haus von Leonore Mau zeigt eine Ausstellung des Goethe-Instituts Porto Alegre über 100 Fotografien der Künstlerin, die sie auf mehreren Reisen zwischen 1969 und 1982 in Bahia, Rio de Janeiro, São Luiz de Maranhão, Brasília und Porto Alegre aufgenommen hat. Ein Großteil dieser Werke ist zum ersten Mal in Brasilien zu sehen.

In seiner Eröffnungsrede zur Ausstellung resümierte der Kulturwissenschaftler Diedrich Diederichsen die Beziehung und das Schaffen der beiden Künstler, indem er auf die Parallelen zu Fichtes stark autobiographisch geprägter Romanreihe Geschichte der Empfindlichkeit verwies:

Leonore Mau Leonore Mau | © Nachlass Leonore Mau. S. Fischer Stiftung „Was wir von Leonore Maus Werdegang als Fotografin wissen, wissen wir in erster Linie von der Figur Irma aus den Romanen von Hubert Fichte. […] In dem Roman Hotel Garni, den Fichte erst gegen Ende seines Lebens vollendet, geht es um das Kennenlernen des schwulen Dichters und der arrivierten verheirateten Fotografin und Mutter. Sie reden über ihr jeweiliges Aufwachsen, weibliche Hetero- und männliche Homosexualität und Sexualität überhaupt, Kunst, Musik, Fotografie und die Nazis.“

„Soll ich schreiben, dass ich Dich brauche?“

Als sie Fichte kennenlernte, war die fast zwanzig Jahre ältere Leonore Mau, 1916 in Leipzig geboren, bereits eine bekannte Presse- und Dokumentarfotografin; sie hatte Bühnenbildnerei studiert und danach eine Ausbildung zur Pressefotografin absolviert. Fichte dagegen war damals als Schriftsteller noch weithin unbekannt. Er bezeichnete Mau als „Lichtbildnerin“, was sie nicht gerne hörte.

Ein Großteil der Werke wurde nie in Brasilien ausgestellt. Diese Fotografie wurde während eines Fests im Favela de Mangueira aufgenommen. Ein Großteil der Werke wurde nie in Brasilien ausgestellt. Diese Fotografie wurde während eines Fests im Favela de Mangueira aufgenommen. | © Nachlass Leonore Mau. S. Fischer Stiftung Maus Eintritt ins künstlerisch-journalistische Leben begann mit ihrer Auflehnung gegen die bürgerliche Vorstellung eines Lebens als Hausfrau. Nach dem Zweiten Weltkrieg in Hamburg ansässig, fing sie an zu reisen und für unterschiedliche Zeitschriften zu fotografieren, für Schöner Wohnen und Merian; vor allem interessierte sie zunächst die Architekturfotografie, immerhin war sie mit einem Architekten verheiratet. Ihr eigentliches Thema fand sie dann aber in der Dokumentation fremder Kulturen, in dem, was Außenstehenden normalerweise verborgen bleibt: in westafrikanischen Kulten und „afroamerikanischen Religionen“ – wie es im Untertitel zu Xangó heißt –, die sie gemeinsam mit Fichte erforschte.

Seit 1962 lebten und arbeiteten Hubert Fichte und Leonore Mau zusammen. Für ihn verließ sie ihren Mann und ihre beiden Kinder. 1969 reisten sie zum ersten Mal gemeinsam nach Brasilien, finanziert durch die Einnahmen aus Fichtes Bestseller Die Palette. Weitere, von ethnologischen Interessen geprägte Reisen führten sie nach Portugal, Rom, Marokko, Chile, später Haiti, Grenada, Belize, Togo, Senegal, Benin, Tansania, Florida, Kuba und Bahrain. Ihre eigenwillige Beziehung hielt bis zu Fichtes Tod. In einem Brief an sie schrieb er: „Soll ich schreiben, dass ich Dich brauche? Es ist so, aber ich schreibe es nicht gern. Es ist nichts Gutes, wenn man jemanden nur braucht.“

Beide einte ein großer Freiheitsdrang; Zusammen flohen sie in die Welt.

Besucherinnen und Besucher bei der Ausstellungseröffnung. Besucherinnen und Besucher bei der Ausstellungseröffnung. | Foto: Carol de Góes

Macumba und Candomblé in Brasilien

Die wenigen gemeinsamen Arbeiten von Fichte und Mau sind die Bände Xangó und Petersilie, mit Interviews und Protokollen von Fichte und Fotografien von Mau, und der Fotoband Psyche, der von afrikanischer Psychiatrie in Senegal, Togo und Benin handelt. Dort hatten sie Kliniken, psychiatrische Dörfer und pharmakologische Institute besucht und ausführliche Gespräche mit Ärzten geführt. Mau fotografierte Voodoo in Haiti, Santería auf Kuba, Macumba und Candomblé in Brasilien, den Karneval in Haiti – aus einer beeindruckenden Balance aus Nähe und Distanz heraus, die den künstlerischen Blick mit dem dokumentarischen verbindet.

Für ihr Bild Junge mit Blister-Maske aus Benin erhielt sie 1975 den World-Press-Preis. 1988 porträtierte sie das Pina Bausch Ensemble in Wuppertal. In der strengen Choreographie des Tanzes sah sie Parallelen zum Voodoo-Kult.

Der Kulturwissenschaftler Diedrich Diederichsen bei seiner Eröffnungsrede am Goethe-Institut Porto Alegre. Der Kulturwissenschaftler Diedrich Diederichsen bei seiner Eröffnungsrede am Goethe-Institut Porto Alegre. | Foto: Carol de Góes „Wenn man die Kamera in der Hand hat, ist man immer gerettet“, verriet Leonore Mau einmal der ZEIT. Fichte rettete sich in die Literatur. Die Konkurrenz zwischen Bild und Schrift hat er in seinen Romanen vielfach reflektiert. Dass Leonore Maus Arbeiten kein bloßes Beiwerk zum literarischen Werk von Fichte sind, sondern eine eigene ästhetische Qualität haben, beweist Das Haus von Leonore Mau auf anschauliche Weise.


Die Ausstellung „Das Haus von Leonore Mau“ ist ein Projekt des Goethe-Instituts Porto Alegre in Zusammenarbeit mit der S. Fischer Stiftung.

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