Beirut Short Stories Kurze Geschichten – nachhaltiger Austausch

Geschichten entwickeln, Talente ausbauen: „Beirut Short Stories“ fördert und vernetzt Nachwuchsautoren aus dem arabischen Sprachraum. Einer der drei Finalisten ist Orwa al Mokdad.
Geschichten entwickeln, Talente ausbauen: „Beirut Short Stories“ fördert und vernetzt Nachwuchsautoren aus dem arabischen Sprachraum. Einer der drei Finalisten ist Orwa al Mokdad. | Foto: Marwan Tahtah

Schreibwerkstatt für libanesische Nachwuchsautoren: Mit dem Projekt „Beirut Short Stories“ verbindet das Goethe-Institut die Förderung junger Schriftsteller mit internationaler Vernetzung. Drei junge Autoren aus dem Libanon haben ihre Geschichten in Deutschland vorgestellt – lesen Sie sie hier.

Was in Kairo begann, findet nun auch in Beirut Anklang: „Beirut Short Stories“ gibt dem Nachwuchs der arabischsprachigen Literaturszene die Gelegenheit, sein Talent in Schreibwerkstätten auszubauen. 15 junge Autoren durften an den mehrtägigen Workshops teilnehmen. Die Leitung übernimmt stets ein arabisch-sprachiger Schriftsteller – 2016 war es Hussain Al-Mozany.

Neben der fachlichen Weiterbildung dient das Projekt der Vernetzung der von einer syrisch-libanesisch-deutschen Jury ausgewählten Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Es gibt einer internationalen Leserschaft Einblick in das literarische Schaffen junger Schriftstellerinnen und Schriftsteller im arabischen Sprachraum.

Hussain Al-Mozany, Rola el Hussein und Ayham Kazoun (v.l.n.r.) zu Gast auf der Frankfurter Buchmesse. Hussain Al-Mozany, Rola el Hussein und Ayham Kazoun (v.l.n.r.) zu Gast auf der Frankfurter Buchmesse. | Foto: Marie-Hélène Gutberlet/KfW Stiftung Die drei besten Autoren der Schreibwerkstatt präsentierten ihre Geschichten auf der Frankfurter Buchmesse und gaben Lesungen in Deutschland.

Was bewegt die jungen Schriftsteller aus dem Libanon? Lesen Sie hier ihre Kurzgeschichten.

Ayham Kazoun
Die Hauptstadt

Dschabirs Mutter suchte in der tiefen Finsternis nach Streichhölzern. Sie kippte den Inhalt einer Küchenschublade auf den Boden und zündete einen Kerzenstumpf an, dann eilte sie in Dschabirs Zimmer. Um ihn nicht zu erschrecken, öffnete sie ganz behutsam die Tür.

Dschabir war gerade dabei, seinen Mantel mit der Wollkapuze anzuziehen. Sie wollte in aller Ruhe mit ihm reden, schluckte ihre Tränen hinunter und sagte: „Du musst jetzt gehen, sie sind schon in der Straße gegenüber.“ Dschabir drehte sich um, trat auf seine Mutter zu, umarmte sie, schloss die Augen und füllte seine Lungen mit dem Duft ihres Haars. Um ihre Tränen nicht sehen zu müssen, blickte er ihr nicht direkt in die Augen. Er seufzte. „Sei nicht traurig, Mama“, sagte er, „sie werden mich nicht kriegen. Ich werde mich zwei oder drei Tage lang verstecken, dann komme ich zurück und trinke den Morgenkaffee mit dir.“ Er küsste ihr die Hände, nahm seinen Rucksack, öffnete die Tür und wurde von der nächtlichen Dunkelheit verschluckt.

Dschabir wusste nicht, dass er das Gesicht seiner Mutter niemals wiedersehen würde …

Hier finden Sie die ganze Geschichte.

Orwa Al Mokdad
Madame Suzanne

Nachdem ich das Meer überquert hatte, fasste ich einen Entschluss: zu vergessen. Vom Fenster meines winzigen Zimmers aus starrte ich auf die Straßen der Stadt. Wie kann man lernen zu vergessen?

Seit etwa fünf Jahren konnte ich nicht mehr malen; Seit dem Beginn der Demonstrationen, als die Menschen auf den Straßen getötet wurden, war ich nicht mehr imstande, einen Pinsel zu halten. Vom Fenster meiner Wohnung in Douma aus beobachtete ich die Ermordung der Demonstranten, die täglichen Verhaftungen, die grauenerregenden Bombardements und die Kämpfe, als wäre all das nichts als ein unvollendetes Gemälde.

Wie kann ein Gemälde einem jungen Mann das Leben zurückgeben? Wie können Farben das Aschgrau von Bombardements und abgerissenen Körperteilen verändern?

Hier finden Sie die ganze Geschichte.

Rola Hussein
Das Kleid

Nicht zum ersten Mal steht sie wie angewurzelt vor diesem Schaufenster und bewundert das Kleid. Heute aber wird sie eintreten und dieses Kleid, das sie seit zwei Monaten immer wieder anschaut, kaufen. Heute sieht sie es mit anderen Augen. Früher betrachtete sie es, um die Blumen des sich wiederholenden Musters zu zählen und den Stoff mit ihren Blicken abzutasten. Den Moment, in dem sie es tatsächlich mit den Fingern berühren würde, schob sie immer wieder auf, bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie bereit sein würde. Wann immer das auch sei.

Hier finden Sie die ganze Geschichte.

 


Zu den Autoren:

Ayham Kazoun
Ayham Kazoun, 29, ist ein libanesischer Schriftsteller und Blogger. Derzeit arbeitet er als Partnerschaftsbeauftragter bei Save the Children (Libanon), nachdem er zuvor als Projektkoordinator beim British Council tätig war. Er veröffentlichte mehrere Artikel in der Zeitung Shbab Alnahar und betreibt unter dem Namen „Louis K“ seinen eigenen Blog auf Facebook.

Rola el Hussein
Rola el Hussein, 38, ist eine libanesische Schriftstellerin. Sie arbeitete als Drehbuchautorin für Al Rayyan TV und als Produzentin für Dubai TV. Drei ihrer Gedichtbände sind bei dar al jaded / dar al ghawoun erschienen. Außerdem wurden einige ihrer Texte auf o2publishing.com und in mehreren libanesischen Zeitungen veröffentlicht.

Orwa Al Mokdad
Orwa Al Mokdad, 31, studiert Journalismus und arbeitet für mehrere syrische und panarabische Zeitungen. Er ist außerdem als Reporter für Al Jazeera und BBC tätig, und wurde mit dem Samir Kassir Preis für Pressefreiheit ausgezeichnet. Er produzierte mehrere Kurzfilme, darunter Street Music (2013), Under the Aleppo Sky (2013) und Under The Tank (2014), die beim Locarno Film Festival aufgeführt wurden.