Festival: Literatur im Dialog Georgien ist eine pluralistische Gesellschaft

Nino Haratischwili und Institutsleiter Stephan Wackwitz
Nino Haratischwili und Institutsleiter Stephan Wackwitz | Bild: Goethe-Institut Georgien (Film-Still)

Intellektuelle und künstlerische Reibungsflächen erzeugen, Gemeinsamkeiten herausarbeiten, Unterschiede aufzeigen und die Notwendigkeit von gesellschaftlichem Wandel verdeutlichen – auf dem Literaturfestival in Georgien ermöglicht das Goethe-Institut Tbilissi Begegnungen deutscher und georgischer Schriftsteller. Nino Haratischwili, deutsch-georgische Autorin, im Gespräch mit Institutsleiter Stephan Wackwitz.

Wie ist das Projekt „Perspektiven – Literatur im Dialog“ aufgebaut?

Nino Haratischwili: Das Projekt wurde im Rahmen des deutsch-georgischen Freundschaftsjahres 2017 entwickelt und ist Teil des internationalen Literaturfestivals von Tibilissi, das bereits zum dritten Mal stattfindet. Innerhalb des internationalen Programms liegt ein Schwerpunkt auf deutschsprachiger Literatur. In enger Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut und dem georgischen Schriftstellerhaus Tiblissi hatte ich die Freude, das Programm aus Lesungen und Diskussionen zusammenzustellen und Kolleginnen und Kollegen dazu einladen zu dürfen.

Um den Kulturaustausch zu stärken, entsteht im zweiten Teil des Projekts ein literarisches Reisebuch, das pünktlich zur Frankfurter Buchmesse präsentiert wird: Sechs deutschsprachige Autorinnen und Autoren kommen nach Georgien und treffen hier jeweils auf einen georgischen Kollegen. Zu zweit, begleitet von einem Guide, reisen sie durch verschiedene georgische Regionen: von Tiflis bis zur Schwarzmeerküste.

Insgesamt geht es darum, Georgien auf der Literaturweltkarte bemerkbar zu machen: Georgien als ein Land, in dem Literatur gemacht wird, wo Bücher übersetzt werden, wo neue literarische Stimmen erscheinen.

Zu Beginn des Projekts gibt es politische Diskussionsveranstaltungen wie „Europa als Idee“. Was verbirgt sich dahinter?

Auch wenn erst kürzlich im April der große Schritt der Visa-Liberalisierung in Georgien erfolgte, ist eine Auseinandersetzung mit der Idee, was Europa ist, notwendig: Insbesondere im Hinblick auf Populismus, den „Rechtsruck“, den es nicht nur europaweit zu verzeichnen gibt. Auch rückt die USA immer mehr als europäischer Verbündeter ab. Ein Austausch darüber wird immer wichtiger.

Sie kennen beide Länder, Georgien und Deutschland, gut. Was kann Georgien in einen europäischen Annährungsprozess einbringen? Was ist die georgische Farbe der Idee von Europa?

Georgien ist eine pluralistische Gesellschaft und hat es in den guten Jahren geschafft, die kulturelle Vielfalt zu erhalten, ohne dass es zu Aggressionen oder Gewalt kam. Das ist nicht immer geglückt, aber es gab solche Zeiten. Dies ist nach wie vor der Kern der georgischen Gesellschaft – mag es auch ein utopischer Gedanke sein, in Zeiten, in denen Nationalismus aufkommt und das Koexistieren von verschiedenen Meinungen schwieriger zu werden scheint. Ich denke, dass Georgien ein Beweis dafür ist, dass dies nichtsdestotrotz möglich ist. Gerade weil es immer an der Grenze lag, zwischen Ost und West, zwischen Tradition und Moderne – all diese Widersprüche hat Georgien immer in sich vereinen können und tut dies auch heute noch. Das wünsche ich mir für Europa.