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Kulturakademie Tarabya
Der schönste Arbeitsplatz am Bosporus

Gebäude der Kulturakademie Tarabya in Istanbul
Gebäude der Kulturakademie Tarabya in Istanbul | Foto: Baris&Elif

Die deutsch-türkische Kulturakademie Tarabya ist ein Rückzugsort inmitten Istanbuls. Sie besticht durch ihre Schönheit und inspiriert Künstler, Musiker und Architekten – eine echte Erfolgsgeschichte. Die kuratorische Verantwortung für die Kulturakademie Tarabya trägt das Goethe-Institut.

Von Rainer Hermann (Kunstakademie Tarabya: Der schönste Arbeitsplatz am Bosporus. Veröffentlicht am 25.07.2019. Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.)

Vorzeigeprojekt der deutschen auswärtigen Kulturpolitik

Der Filmemacher Jan Ralske ist einer der mehr als achtzig Stipendiaten, die seit 2012 in Tarabya künstlerisch gearbeitet haben. Die Kulturakademie am nördlichen Ufer des Bosporus ist ein Vorzeigeprojekt der deutschen auswärtigen Kulturpolitik. Gegründet wurde sie auf Initiative des Bundestags, um den künstlerischen Austausch zwischen der Türkei und Deutschland zu fördern. Die Leitung liegt beim Auswärtigen Amt. Derzeit beherbergt sie jedes Jahr bis zu zwanzig Künstlerinnen und Künstler, die ihren Arbeits- und Lebensmittelpunkt in Deutschland haben.
 
Untergebracht ist die Kulturakademie in der historischen Sommerresidenz des deutschen Botschafters in der Türkei. Sie geht auf eine Schenkung des osmanischen Sultans Abdülhamid II. an das Deutsche Reich im Jahr 1880 zurück. Das im lokalen Stil mit Holz erbaute Ensemble, das sich in ein großes bewaldetes Grundstück einfügt, gehört zu den schönsten Immobilien der Bundesrepublik Deutschland im Ausland. Auf dem Gelände befinden sich ein historischer Friedhof, auf dem mehr als 660 Soldaten begraben sind, die im Ersten Weltkrieg in der verbündeten Türkei gefallen sind, zudem die Deutsch-Türkische Handelskammer, ein deutscher Kindergarten – und eben die Kulturakademie mit sieben Wohnungen sowie Probenräumen und Ateliers.

Die Kosmologie in der Moscheekuppel

Von seinem Schreibtisch sieht der Schriftsteller Christoph Peters die großen Schiffe vorüberziehen. Ein Blick, der ihn mit der ganzen Welt verbindet. Jeden Morgen arbeitet er an seinem neuen Roman, am Nachmittag taucht er dann für Recherchen zu seinem nächsten Roman in das islamische Istanbul ein. Mal fährt er mit dem Schiff eine Stunde den Bosporus hinab in das Zentrum von Istanbul, ein andermal setzt er sich in die U-Bahn. In Istanbul beschäftigt sich Peters, der sich lange in Ägypten, der Türkei und Pakistan aufgehalten hat, mit den Ornamenten in den Moscheen und in den Teppichen, er trifft Derwische und ist auf der Suche nach den Spuren der islamischen Kosmologie.
 
„Diese Kosmologie sieht man in einer Moscheekuppel“, sagt Peters. Das Element der absoluten Einheit Gottes in der Mitte, oft als goldenen oder schwarzen Punkt – die absolute Einheit als Anfang von allem. Aus ihr heraus wachsen Ornamente, sie bilden die Gesetze ab, die seit dem Urknall die Welt regeln. Daraus gehen wiederum die Schrift und florale Ornamente hervor, die die Verspieltheit der Schöpfung symbolisieren. Das schaut sich Peters an, ebenso Gebetsteppiche, deren ornamentale Muster den abschweifenden Geist immer wieder einfangen.
Aktuelle Künstler*innen, Alumni und türkische Koproduktionspartner*innen verwandelten die Parkanlage der Kulturakademie Tarabya am 06. Juli 2019 an elf Spielorten performativ, musikalisch, literarisch und visuell in einen Schauplatz kreativen Schaffens
Aktuelle Künstler*innen, Alumni und türkische Koproduktionspartner*innen verwandelten die Parkanlage der Kulturakademie Tarabya am 06. Juli 2019 an elf Spielorten performativ, musikalisch, literarisch und visuell in einen Schauplatz kreativen Schaffens, Video: Nar Photos
 

Stipendiaten müssen in die Kultur eintauchen

Selten hätten sie in ihrem Leben einen schöneren Arbeitsplatz gehabt, sagen Stipendiaten, Tarabya setze Ideen frei. Ralske meint sogar, die Gebäude und das Gelände seien so schön, dass man es eigentlich gar nicht verlassen wolle. Das sollen die Stipendiaten aber, und sie tun es auch, in einem ständigen Wechsel von Ruhe und Lärm. Der Reiz von Tarabya liege darin, dass die Kulturakademie zum einen ein Rückzugsort sei, zum anderen gelange man jedoch sehr schnell in das Zentrum einer Megastadt, sagt Joachim Sartorius, der Vorsitzende der fünfköpfigen Jury, die Stipendiaten aus den Sparten Architektur, Bildende Kunst, Darstellende Kunst, Design, Literatur, Musik, Film, Publizistik und Kulturtheorie auswählt.
Erwartet wird von den Bewerbern, dass sie sich mit der türkischen Kulturszene vernetzen, sich mit lokalen Künstlern und Kultureinrichtungen austauschen, mit Galerien und Museen. Neues entsteht in den Begegnungen mit türkischen Künstlern, aber auch im Austausch der sieben Künstler untereinander. So arbeiten derzeit in Tarabya jeweils ein Komponist, ein Musiker, ein Tänzer sowie jeweils zwei Schriftsteller und Filmemacher. In Tarabya wurden bereits zahlreiche Romane und Drehbücher geschrieben, von „Außer sich“ von Sasha Marianna Salzmann, Stipendiatin der ersten Stunde, bis zu Katerina Poladjans gerade erschienenem „Hier sind Löwen“.
 
Stipendiaten und Alumni kommen mit türkischen Musikern im Tarabya Ensemble zusammen, das in unregelmäßigen Abständen in der Türkei und in Deutschland auftritt, beispielsweise im vergangenen November im Hamburger Bahnhof in Berlin beim „Studio Bosporus“, der ersten großen Veranstaltung in Deutschland, bei der in der Türkei entstandene Arbeiten gezeigt wurden.
Während der Vorstellung der Kulturakademie Tarabya in Berlin 2018 Während der Vorstellung der Kulturakademie Tarabya in Berlin 2018 | Foto: Dawin Meckel

Beliebt trotz politischer Ungewissheit

Den Fotografen Andréas Lang interessieren die vielen Schichten der türkischen Geschichte. Von Tarabya aus brach er zu Exkursionen in die ganze Türkei auf, vor allem in den äußersten Osten, wo er auch armenischen Spuren nachgegangen ist. Ihn reizen die Überlagerungen und das Aufeinanderprallen von Kulturen sowie das daraus entstandene wiederkehrende Überschreiben der eigenen Geschichte.
 
Überlagert waren die vergangenen Jahre auch von politischen Spannungen in der Türkei sowie zwischen der Türkei und Deutschland. Dennoch hat es in Tarabya nie eine Vakanz gegeben. In diesem Frühjahr waren trotz des schwierigen politischen Umfelds für den Zeitraum von September 2019 bis August 2020 mehr als dreihundert Bewerbungen eingegangen. „Tarabya ist in der Kulturwelt also angekommen“, sagt Johannes Ebert, der Generalsekretär des Goethe-Instituts.
 
In Tarabya hat sein Haus die kuratorische Verantwortung, in Kyoto und Salvador da Bahia betreibt es weitere Residenzhäuser. Darüber hinaus betreut das Goethe-Institut mit anderen Partnern in mehr als siebzig Programmen im Ausland zweihundert Residenzkünstler. Ein Residenzhaus wie die Kulturakademie Tarabya sei ein wichtiges Instrument des Kulturaustausches, sagt Ebert. „Solche Häuser schaffen nachhaltige Kontakte und Netzwerke.“ Ein Kulturaustausch, wie ihn Tarabya ermögliche, sei gerade in politisch schwierigen Zeiten wichtig, so Ebert. Denn dadurch halte man Kommunikationskanäle offen und Begegnungen zwischen Menschen aufrecht. „Unter den Künstlern ist etwas entstanden, was sich zu erhalten lohnt“, sagt Ebert. Daher sollen nun die Möglichkeiten für Alumni verbessert werden, etwa für Nachrecherchen in die Türkei zurückzukommen.

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